Nature or Nurture (3/3)

Szene 3

Bernd und der etwa sechzehnjährige Leon sitzen am Tisch. Bernd liest Zeitung, Leon spielt mit einem Smartphone, er ist relativ groß und kräftig für sein Alter. Lea steht im Hintergrund an einem Herd und rührt in einem Topf. Neben dem Herd ist ein Ofen, in dem sich ein offener Bräter mit Fleisch befindet.

                Lea füllt Kartoffeln aus dem Topf in eine Schüssel und stellt sie auf den Tisch. Dann holt sie den Bräter aus dem Ofen und stellt ihn ebenfalls auf den Tisch. Man erkennt ein überdimensioniertes Hühnchen. Sie tranchiert das Hühnchen und gibt Leon die Hälfte, Bernd eine halbe Brust und ein Bein, sie nimmt einen Flügel.

Bernd:  Wieso kriegt der Bengel mehr Fleisch als ich? Wer verdient denn hier das Geld? Und jetzt schau mal, wie der sich darüber stürzt, mit den bloßen Händen!

Lea:       Der Junge wächst noch, da braucht man Protein.

Leon schaut hoch und zieht die Oberlippe hoch.

Lea:       Leon, es wäre natürlich schon nett, wenn du wartest, bis wir auch soweit sind.

Leon:    Ah so.

Bernd nimmt sich Kartoffeln und guckt auf seinen Teller:

Bernd:  Das Fleisch schwimmt in so einer blutigen Wasserbrühe. Wieso kannst du denn kein Hähnchen so braten, dass es gar ist! Igitt, das mag ich nicht!

Leon schaut hoch, zieht die Oberlippe hoch und zieht den Teller des Vaters zu sich.

Leon:    Schmeckt mir.

Bernd:  Das heißt: „Mir schmeckt das so“ oder „Mir schmeckt es.“ Sätze haben mehr als zwei Wörter.

Lea:       Jetzt gebt doch mal Frieden. Wir wollen doch in guter Stimmung zusammen essen. Anschließend habe ich Pudding gemacht.

Leon:    Mag nicht.

Lea:       Kein Problem, Leon, das weiß ich doch, aber ich wollte deinem Vater eine Freude machen. Der isst so gern Pudding.

Lea lächelt Bernd schüchtern an, der das völlig ignoriert.

Leon:    Ah so.

Bernd sitzt mit verschränkten Armen und isst nichts mehr. Lea isst ein paar Kartoffeln und Leon zurrt mit den Zähnen an den halbgaren Fleischbrocken.

Leon:    Lecker!

Lea:       Das freut mich, Junge, dass es dir schmeckt!

Lea räumt den Tisch ab und setzt die Puddingschüssel auf den Tisch.

Leon:    Hunger!

Bernd:  Wenn du auch mal ein paar Kartoffeln zum Fleisch essen würdest, wärst du auch von normalen Portionen satt!

Leon zieht die Oberlippe hoch.

Leon:    Habe Hunger!

Lea:       Alles gut, mein Junge, ich habe noch etwas Roastbeef, da schneide ich dir ein Stück ab.

Bernd:  Das Roastbeef für Sonntag? Das gibt’s doch wohl nicht! Sollen wir hier alle immer nur noch Gemüse essen, weil der gnädige Herr Sohn nicht satt wird, weil er außer Fleisch nichts anrührt? Das hat er nicht von mir!

Lea:       Schschscht! Fang nicht wieder davon an!

Bernd:  Warum nicht? Zu Leon: Ich glaube nicht, dass du wirklich mein Sohn bist. Sowas habe ich nicht gezeugt!

Leon zieht die Oberlippe hoch. Lea weint.

Leon:    Habe Hunger! Gib mir mehr!

Bernd:  Jetzt rede mal vernünftig mit deiner Mutter, siehst du denn nicht, dass sie schon weint? Kennst du nicht das kleine Wörtchen „Bitte“?

Leon rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her. Lea legt ihre Hand auf seinen Arm.

Lea:       Beruhige dich doch, nicht aufregen, es wird alles gut, du wirst sehen, Papa meint es nicht so!

Bernd haut mit der Faust auf den Tisch, springt auf und schreit:

Bernd:  Ich meine es sehr wohl so, ich kann deine Visage einfach nicht mehr sehen, du mit deinem dämlichen Hochziehen der Oberlippe. Wie sieht das denn aus? Du bist ein Wechselbalg, kein Kind, ich hab’s gleich gewusst, ich hätte dich damals im Zoo an die Löwen verfüttern sollen.

Lea:       Vergeh dich nicht an dem Kind, wie kannst du so etwas sagen? Sieh doch, er zittert schon, weil du so schreckliche Dinge sagst!

Leon springt auf, fletscht wieder einmal die Zähne und reißt sich das T-Shirt vom Oberkörper, der mit rotblondem Flaum bedeckt ist.

Leon:    Ich habe Hunger! Fleisch! Fleisch!

Bernd greift zum Fleischhammer, der hinter ihm auf einer Anrichte liegt und will ihn auf Leon werfen. Lea fällt ihm schreiend in den Arm, dadurch gerät Bernd ins Schleudern, der Hammer rutscht ihm aus der Hand und fällt auf eine Tischlampe. Das Licht geht aus. Türen knallen.

Das Zimmer liegt im Dunklen. Eine Tür geht knarrend auf. Man sieht die gebeugte Silhouette eines Menschen hereinkommen. Er setzt sich auf einen Stuhl und schaltet eine Lampe an. Auf den Stühlen liegen die Kleidungsstücke von Lea und Bernd, über den Boden und den Tisch verteilt weiße Knochen. Der Mann ist Leon, er sitzt mit dem Rücken zum Publikum.

Leon:    Hunger! Hunger!

Es schellt an der Tür.

Leon:    Wer da?

Eine Stimme: Ich bin die Nachbarin. Frau Galinski.

Leon:    Mutter nicht hier.

Stimme: Und dein Vater?

Leon:    Nicht hier.

Leon erhebt sich langsam, schlurft zur Tür.

Stimme: Leon?

Leon:    Ja.

Stimme: Ist was mit euch? Ich sehe zwar Licht, aber deine Eltern habe ich schon ein paar Wochen nicht gesehen. Alles okay?

Leon:    Alles okay.

Leon steht mittlerweile hinter der Tür.

Stimme: Brauchst du Hilfe?

Leon:    Nein. Fleisch.

Stimme, etwas unsicher: Lässt du mich mal rein?

Leon öffnet die Tür ganz langsam, hebt seine Arme und man sieht, dass er riesige Krallen und Tatzen statt Händen hat.

Licht aus.

 

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