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Fred Hoffmann kam als Erster. Er sah sich in dem Raum um. Acht Stühle, eine Garderobe, ein kleines Fenster zum Hof. Dennoch war es hell, weil mindestens vier lange Neonröhren unter der Decke hingen. Die Stühle waren mit schwarzem Kunstleder bezogen, die Stuhlbeine verchromt. Fred schaute auf die Uhr: Viertel vor zehn, er war wie immer etwas zu früh. Er hing seine Jacke an einen Haken und setzte sich auf einen Stuhl an der Seite des Raums. Wie es seine Gewohnheit war, vermied er es, zwischen Fenster und Tür zu sitzen, denn dann war Durchzug unvermeidbar. Er wollte nicht schon wieder eine Erkältung riskieren. Auf dem schwarzen Tisch, ebenfalls mit Chrombeinen, lagen ordentlich aufgereiht Namensschilder. Er suchte seinen Namen heraus und heftete sich das Schild mit einer Klammer an sein Hemd.

Wenige Minuten später kamen ein Mann und eine Frau in den Raum. Sie nickten Fred zu: „Guten Tag“. So, wie sie sich verhielten, schienen sie dennoch nicht zusammenzugehören. Der Mann war schätzungsweise Mitte vierzig, untersetzt, sein Haupthaar war zu einem Kranz am Hinterkopf zusammengeschrumpft. Er trug ein dickes Wolljacket, viel zu warm für diese Jahreszeit. Er sah die Schilder auf dem Tisch und griff zu „Karl Gerke“. Er nahm gegenüber von Fred Platz. Die Frau hatte mittlerweile ihren Regenmantel an die Garderobe gehängt. Sie war groß für eine Frau, bestimmt ein Meter fünfundachtzig, knochig. Ihr Gesichtsausdruck ließ auf ein hartes Leben oder Unzufriedenheit schließen. Ihre blondierten Haare erreichten das Kinn, wo sie sich leicht nach innen drehten. Eine typische Frisur für eine Endvierzigerin, war Fred überzeugt. Ihre Augen lagen klein und tief hinter einer dicken Brille. Sie ging zum Tisch und griff zum Schild mit dem Namen „Erica Feist“. Fred lächelte sie ermunternd an, aber sie reagierte nicht. Sechs Personen waren offenbar eingeladen worden. Die drei anderen trafen ebenfalls pünktlich ein: Niklas Ostermann, Ende zwanzig, für sein Alter recht picklig und mit einem Spitzbart, lässig gekleidet. Seine welligen Haare erreichten sein dunkelblaues Sweatshirt, wo sie einen leichten Schuppenregen hinterlassen hatten. Werner Kesselmann war der Älteste von allen, schätzungsweise so um die sechzig. Er war klein und rund, seine braunen Augen lachten genauso wie sein kleiner runder Mund. Er nickte fröhlich in die Runde, steckte sich sein Schild an den Kragen seiner Sweatstoffjacke, die in Kontrast stand zu seiner grauen Stoffhose. Yvette Strauch war im gleichen Alter wie Niklas, vielleicht ein wenig jünger. Sie war eine üppige Brünette, ihr pinkes T-Shirt gab Einblick in ihr Dekolleté, die blassblaue Jeansjacke stand offen und würde sich garantiert auch nie über ihrem Busen schließen lassen. Ihre Haare hingen glatt bis über die Schultern, ihre Wimpern waren genauso wenig echt wie ihre Fingernägel, die in dem grellen Rosaton das Pink ihres Tops ergänzten.

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