Werbemails (4/4)

„Sorry, aber Sie sind allesamt nur Geister, Spamgeister, keine echten Menschen.“

„So ein Quatsch“, Yvette öffnete ihre große Handtasche und suchte nach etwas. „Schauen Sie doch hier in meinen Taschenspiegel, ich kann mich darin sehen, Geister sehen sich nicht in Spiegeln!“

Mandy lächelte mitleidig. „Das sind Geister von Gestern. Die alten Geschichten, die Sie da wohl gelesen haben, Frau Strauch, sind lange passé. Heute gibt es bessere Methoden, die mittels fluoreszierender Strahlen Menschen von Geistern und Gespenstern unterscheiden.“

„Selbst wenn das so wäre: Was haben Sie oder Ihre Wissenschaftler davon, wenn Sie uns jetzt zu Geistern machen, uns die Lebensfreude verderben?“ Karl war aufgestanden, seine Unterlippe zitterte.

„Die involvierten Forscher…“

Yvette unterbrach Mandy: „Können Sie vielleicht normales Deutsch reden? Involviert, was für ein hochtrabender Quatsch.“

Mandy bemühte sich offensichtlich um Contenance. „Entschuldigen Sie, ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass Sie unterschiedliche Ausbildungsniveaus mitbringen.“

„Ha!“, warf Niklas ein, „Auch noch unverschämt werden! Und wie bitte soll ein Gespenst oder Geist denn eine Ausbildung durchlaufen, Sie widersprechen sich selbst.“

„Ach, bedauerlich, Sie wollen einfach nicht akzeptieren, was jedermann sehen kann. Sie haben ein geträumtes Leben, das ist bei Geistern so. Ja, und Sie sind Geister, Spam-Geister.“

Erica, die vorn auf der Kante gesessen hatte, warf sich in den Stuhl zurück: „Ich glaub’s einfach nicht, nein, das ist Quatsch. Beweisen Sie doch den Unsinn.“ Sie drehte ihren Kopf zu der Videokamera: „Das Spiel ist jetzt zu Ende, ich steige aus.“ Mandy war plötzlich wieder ganz gelassen und lehnte sich gegen das rote Polster der Rückenlehne ihres Stuhls.

„Bevor ich Ihnen den Beweis bringe, möchte ich Ihnen auch noch mitteilen, was neben der Wissenschaft der Zweck der Einladung ist. Die Firmen, die Sie beschäftigt haben, finden, dass Ihre Bezahlung dafür, dass Sie nur Geister sind und dementsprechend viel weniger Bedürfnisse haben, einfach zu hoch. Geister werden in der Regel überhaupt nicht bezahlt,“ und zu Werner gewandt, der gerade etwas sagen wollte: „Und eine Geistergewerkschaft gibt es nicht.“

„Also, wir sind jetzt auch schon am Ende des Gesprächs, da Sie sich so sperren. Wenn Sie bitte freundlicherweise die neuen Verträge unterschreiben“, dabei holte sie sechs Blätter aus der Mappe, die sie nebeneinander auf den Tisch legte. Dazu einen Kugelschreiber. Die Besucher waren einhellig empört.

„Wenn Sie diesen Vertrag nicht unterschreiben, werden Sie eben gar nicht mehr bezahlt.“ Mandys Stimme war hart im Raum wie ein Diamantmesser, das Glas schneidet.

Fred sprang auf, „Kommt Leute, das lassen wir uns nicht länger bieten. Das ist doch wohl das Letzte. Dass der Typ, für den ich arbeite, mies bezahlt, weiß ich längst. Aber das ist nun wirklich die Höhe!“ Die anderen waren noch unschlüssig und starrten auf die neuen Verträge. Fred nahm seine Jacke, die er über die Stuhllehne geworfen hatte, und strebte dem Ausgang zu. Karl, Niklas, Werner, Erica und Yvette sahen ihm nach. Sie beobachteten auch, wie er die Klinke in die Hand nehmen wollte. Seine Hand glitt durch die Klinke, durch die Tür. Aus Freds Gesicht war jede Farbe gewichen, er drehte sich zu seinen Kollegen um. „Nein!“ schrie er mit unhörbarer Stimme, bevor er zu Boden sank.

2 Gedanken zu “Werbemails (4/4)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.