Anstatt Anna (1/2)

Anstatt Anna

Anna war nicht sehr beliebt. Aber sie machte sich nichts daraus. Sie war die Klügste in der ganzen Klasse, hübsch obendrein, vom dicken Taschengeld konnte sie sich alles leisten, was ihr Herz begehrte. Und wenn das neueste Smartphone teurer war, als ihr Gespartes hergab, ein kleines Vorschieben der Unterlippe, zittriges Stimmchen, große Augen – da gab es immer eine Tante, die ihr einen Fuffi zuschob, wenn nicht schon die Eltern weich wurden. Bei ihren Eltern bettelte sie zwar auch, akzeptierte aber sofort, wenn diese Nein sagten. Sie waren dabei immer ganz traurig, weil sie ihrer Anna natürlich jeden Wunsch erfüllen wollten. Aber Anna verstand, dass das Geld des Vaters aus Schichtarbeit und das Einkommen der Mutter von einem mühseligen Putzjob bei zwei ekligen alten Drachen kam. Sie war verwöhnt, und sie wusste das. Deshalb half sie im Gegensatz zu der Klischeevorstellung eines gehätschelten Mädchens auch gern zu Hause, sie machte ihre Hausaufgaben brav, bevor sie sich ihrem neuen coolen Schminkset widmete.

Freundinnen hatte sie nicht, nicht eine einzige. Wozu auch, sie schüttelte den Kopf. Sollte sie die Mädels zu sich einladen? Nicht, dass sie angeben würde und erzählen, dass sie in einer fürstlichen Luxusvilla lebten und in Saus und Braus den Alltag verbrächten. Sie erzählte gar nichts, sie ging nicht zu Einladungen und musste daher auch niemanden in ihr ärmliches Zuhause einladen.

Bei Kindern und Jugendlichen ihres Alters galt sie als arrogant. Auch das steckte sie mit einem Schulterzucken weg. Ihr reichte das Wissen, dass sie es nicht war. Und trotz ihrer jungen Jahre konnte sie Stunden darüber nachsinnen, ob es Arroganz ist, wenn man sagt: Ich weiß, dass ich nicht arrogant bin. Dann fragte sie sich, ob ihr neben allen anderen Talenten auch noch eine philosophische Begabung in die Wiege gelegt worden war.

Manchmal schleppte ihre Mutter sie mit zum Job. „Ich möchte nicht, mein Schatz, dass du so lange allein zu Hause bleibst.“ Die alten Damen setzten ihr viel zu süßen Kakao und Kekse vor, die bestimmt schon ein halbes Jahr über das Haltbarkeitsdatum hinaus waren. Sie schmeckten nach muffigem Pappkarton. „Greif zu, meine Kleine, wir wissen doch, wie gerne du etwas Süßes isst.“ Dies war ihr schleierhaft, denn sie aß auch leckere Kekse oder Kuchen nicht so gern – schon allein wegen der Figur. Man konnte gar nicht früh genug anfangen, darauf zu achten, dass man nicht aus den Nähten platzt. Wie zum Beispiel die beiden Damen, deren Gesäße fast seitlich vom Stuhl herunterhingen, das Doppelkinn in zwei Lagen vom Mund bis zum Kragen der Spitzenbluse. Sie knabberte höflich am dritten Keks und nahm einen weiteren Schluck vom lauen Kakao. Der war heute so süß, dass er ihr die Kehle fast zerriss. Derweil hievte sich die zweite Dame von ihrem Stuhl und schlurfte in die Küche, wo sie Annas Mutter die Leviten las. Wieder hatte diese den Zucker an die falsche Stelle gerückt, hinten in der Ecke war noch ein bisserl Schmutz, nein, so geht das gar nicht! „Wenn es nicht wegen ihrer reizenden Tochter wäre, die wir nicht in Armut groß werden lassen möchten, könnten wir sie nicht länger halten. Ihre Leistung ist einfach nicht ausreichend. Bitte geben Sie sich doch mehr Mühe!“  Anna wäre am liebsten aufgesprungen und hätte der alten Kuh vors Schienbein getreten. Aber das machte sie natürlich nicht. Dann wäre ihre Mutter auch diesen Job los, und es war schwer genug gewesen, ihn zu bekommen. Nicht zu weit von daheim, eine Stelle, zu der sie Anna mitnehmen konnte, was früher notwendiger gewesen war als heute.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.