Anstatt Anna (2/2)

Anna träumte davon, wie sie eines Tages als Meeresbiologin viel Geld verdienen würde. Die Lieblingsberufe wechselten etwa alle zwei Tage. Vorgestern war sie noch als Leiterin einer Hotelkette reich geworden. Egal wie, sie nahm einen Teil ihres erworbenen Gelds, kaufte das Haus, in dem die beiden alten Hexen wohnten und setzte diese vor die Tür. Und wenn diese unten vor der Tür stünden und jammerten, würde sie sie mit steinharten alten Keksen bewerfen. Gelegentlich malte sie sich diese Szene auch mit Gewalt gespickt aus, heimliche Tagträume. Anschließend würde sie mit ihren Eltern in ein schickes Penthouse (was immer das auch sein mag) ziehen, mit einer Edelstahlküche, teurem Parkett und Mahagonischränken. Und die Beiden müssten nie wieder arbeiten, weil sie, Anna, für ihre Eltern sorgen würde.

Endlich waren die drei Stunden vorbei, sie gingen wieder nach Hause. Ihre Mutter jammerte zu Recht darüber, wie unfair die beiden Kanaillen doch sind, strich Anna über das Haar. „Ach, mein Schatz, aber damit es dir gut geht, tue ich das doch gern!“

Es war gegen Monatsende und daher gab es als Abendessen Pellkartoffeln mit Schnittlauch und Quark, für mehr reichte die Kasse nicht. Anna machte das nichts, denn sie aß liebend gern Pellkartoffeln, am liebsten einfach mit Butter und Salz, aber Quark und Schnittlauch waren auch okay. Ihre Mutter pellte die Kartoffeln für alle, das war natürlich bequem.

Anna musste um acht Uhr zu Bett gehen, denn die Schultage waren anstrengend. Sie widersprach selten. Keiner kümmerte sich darum, dass sie im Schein einer Taschenlampe gelegentlich bis weit nach Mitternacht schönste Geschichten las. Solange ihre Schulleistungen nicht darunter litten, wusste sie – würde keiner etwas merken. Anna dachte altklug: „Die Beiden brauchen auch eine Zeit für sich.“ Sie gähnte, schaute auf die Uhr. Dreiundzwanzig Uhr vierundzwanzig. Wirklich, heute sollte sie einmal früher einschlafen. Dann fiel ihr auf, dass sie noch Durst hatte. Sie lauschte, normalerweise waren ihre Eltern um diese Zeit schon im Bett und schliefen tief, so auch heute, kein Ton war zu hören. Anna schlich in die Küche und goss sich Wasser aus dem Krug auf dem Küchentisch in ein Glas. Sie hob das Glas zum Mund und hörte ein Geräusch aus dem Wohnzimmer. Hmmm, sich jetzt bemerkbar zu machen, wäre blöde, fand sie. Es klang, als würde ihre Mutter weinen. Obwohl Anna zu ihren positiven Eigenschaften zählte, dass sie nicht neugierig war, konnte sie diesmal nicht anders als zuzuhören.

Sie stellte sich vor, wie ihr Vater liebevoll die Mutter an die Schulter drückte und ihr zärtlich über den Rücken strich, etwas Liebevolles in ihr Haar murmelte. So hatte sie das oft genug gelesen. Sie hörte ihre Mutter leise schluchzen, „ach, unsere Anna… sie ist sicher ein nettes Mädel, aber ich kann es nicht vergessen. Ich wünschte, anstatt Anna hätte damals unser kleiner Bub den Unfall überlebt.“

Anna starrte das Glas in ihrer Hand an und wusste nicht, was sie damit tun sollte. Um sie herum war es dunkel und leer. Sie stellte das Glas leise zurück auf den Küchentisch und schlich zurück in ihr Zimmer. Sie hatte das Gefühl, durch ein Portal in eine andere Welt gegangen zu sein. Ihre Augen waren riesig in der Dunkelheit, hätte man sie sehen können. Sie starrte die Tapete an und dachte in einer wiederkehrenden Schleife: „Morgen werde ich Mama bitten, dass ich anstatt dieser Kindertapete gern eine mit Spinnenmuster hätte.“

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