Bei Bernd (1/1)

Bei Bernd

Er sah sich in seinem kleinen Apartment um. Okay, achtundzwanzig Quadratmeter sind nicht viel, aber er hatte es gemütlich eingerichtet. Die Bettcouch ließ sich tagsüber zusammenschieben. Er machte das auch geflissentlich jeden Morgen, weil es ihm wichtig war, dass er nach der Arbeit in ein gemütliches Heim zurückkam. Die wenigen Quadratmeter waren immer sauber und ordentlich. Nicht auf eine kranke, unnatürliche Weise, sondern so, dass jeder ausrief: „Boh, Bernd, du hast es aber wirklich schön hier!“ Jeden Morgen, so hatte er sich das eingeteilt, machte er ein bisschen sauber und räumte auf. Etwa eine Viertelstunde pro Tag, das reicht völlig aus, um so eine kleine Wohnung in Schuss zu halten. Wobei es erwiesenermaßen aufwändiger ist, achtundzwanzig eng bewohnte Quadratmeter in Ordnung zu halten als zweihundert Quadratmeter mit derselben Mobiliarbestückung.

Wenn seine Freunde zu Besuch kamen, räumte er vorher nochmals kurz auf. Der Schreibtisch war dann leer bis auf Laptop, Maus und einen kleinen Ablagestapel. Stolz war er auch darauf, dass es in seinen Schränken immer ordentlich war. Für Besuch alles hinter die Schranktüren zu quetschen, nein, das kam nicht in Frage. Eher doch die Sportschuhe da stehen lassen, wo sie waren. Das ist normal.

Bernd war ein Freund von Qualität statt Quantität. Nicht, dass er nur die teuersten Dinge kaufte, das konnte er sich gar nicht leisten. Aber wenn es um eine wichtige Anschaffung ging, wartete er lieber drei Monate und kaufte „etwas Vernünftiges“, wie er sagte, statt billigen Schund.

Er holte die flache Glasschale aus dem Hängeschrank in der sogenannten Junggesellenküche, nahm eine Tüte mit Plätzchenmischung aus dem Vorratsschrank. Diese Plätzchenmischung liebte er – vor allem die Waffelröllchen mit den in Vollmilchschokolade getauchten Enden. Nur in der Olala-Mischung seines Lieblingssupermarkts gab es die Mischung mit der hellen Schokolade. Alle anderen tauchten die Waffelröllchen in dunkle Schokolade. Er schnitt die Tüte auf und ließ die Kekse sorgfältig in die Glasschale rutschen. Und stibitzte sich gleich zwei der Waffelröllchen, die nach oben herausguckten. Dann stellte er die Schale auf den Schreibtisch. Er hatte nur den Schreibtisch. Ein weiterer Tisch in seinem Zimmer hätte ihm alles zu eng werden lassen. Er hatte damals die Wahl gehabt zwischen einer Wohnung, fünfunddreißig Quadratmeter, mit Sitzbad, kleiner Küche, winzigem Flur und einem mittelgroßen Wohnzimmer und dieser Wohnung, insgesamt kleiner, aber großzügiger. Er kochte selten, daher reichte ihm die Schrankküche völlig aus. An der einen Seite die Bettcouch, vor dem Fenster der große Schreibtisch mit gemütlichem Arbeitssessel. In einer Nische, die mit einem Vorhang geschlossen war, standen zwei Klappstühle. So konnte er gut vier oder fünf Freunde zu sich einladen. Auf dem hellen Laminatboden lag ein schmaler Läufer vor der Bettcouch. Gardinen brauchte er nicht, zum Schutz vor zu intensiver Sonnenstrahlung hatte er eine Jalousie mit schmalen Lamellen auf den Fensterrahmen montiert. Er mochte es hell. Die Wände waren dementsprechend in einem warmen Cremeweiß gestrichen. Jeder hatte sich noch bei ihm wohlgefühlt.

Er nahm vier Becher aus dem Hängeschrank und stellte sie neben seine Tasse auf den Schreibtisch, dazu vier Glasuntersetzer. So ein bisschen Vorsicht schadet nicht, dachte er immer. Er bereitete auch den Kaffee schon vor, indem er die Maschine mit Filter, Kaffeepulver und Wasser bestückte. Er hielt nichts von diesen Maschinen, die gerade hip waren, mit ihren Wunderpads. Reine Verschwendung – und überhaupt nicht individuell dosierbar. Neben die Becher platzierte er dann noch eine buntgemusterte Zuckerdose, ein Mitbringsel von einer Spanienreise, und ein Kännchen mit Sahne – echter Sahne, nicht diesem billigen Kaffeesahnezeugs. Schon bei dem Gedanken daran verzog er missmutig das Gesicht.

Auch beim Essen hielt er es mit der Qualität. Die Jagd nach dem billigsten Stück Butter war ihm fremd. Das war ihm noch von zu Hause in unangenehmer Erinnerung. Dabei hätten es seine Eltern gar nicht nötig gehabt, okay, sie waren nicht reich, aber so billig musste es nun auch nicht sein. Bernd hatte einen starken Widerwillen gegen Sparen um des Sparen willens. Seine Mutter lief wirklich einen halben Kilometer, um die Brötchen bei Bäcker Friedegard pro Stück zwei Cent billiger zu erstehen als bei dem Bäcker um die Ecke. Ganz zu schweigen von den Discounter-Brötchen. Nein, nein, Essen muss Qualität haben.

Bernd war ein Freund guten und reichlichen Essens. Aber er hatte Glück – obwohl er nicht besonders groß war, gehörte er zu diesen drahtigen Typen, die irgendwie kein Fett ansetzen. Er war auch nicht hager, aber einfach „normal“. Er grinste, ja, „normal“, das beschrieb ihn gut. Obwohl das nicht ganz stimmte, denn dieser Hang zur Qualität zum angemessenen Preis gilt leider heutzutage gar nicht mehr als „normal“.  Er wusste aber auch, dass er mit zunehmendem Alter wohl auf seine Figur würde achten müssen, wenn er nicht wie seine Eltern ständig der Herzverfettungsgefahr ausgesetzt sein wollte. Nun ja, zwei Waffelröllchen würden da sicher nicht die allergrößte Gefahr sein.

Seine Freunde, seine Kollegen, sie alle besuchten ihn gern. Es war immer nett, immer lustig, überaus gemütlich.

„Komm doch heute mit“, sagte Susanne zu ihrer Freundin. „Bei Bernd ist es so schön, man mag fast nicht mehr weggehen. Bei Bernd fühlt man sich wohl.“ Okay, warum nicht? Aber einfach so mitkommen?

„Bernd ist echt ein cooler Typ, der freut sich, wenn wir jemanden mitbringen, den er noch nicht kennt. Er ist so interessiert an allem!“. Also abgemacht, und so standen Susanne und Anna jetzt vor Bernds Wohnungstür. Anna hielt die kleine Überraschung in der Hand, während Susanne mit Inbrunst auf die Klingel drückte. Anna dachte: „Ob ich mich bei Bernd auch gleich so wohlfühle?“

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