Contra Clemens (1/1)

Contra Clemens

Daniela hatte ein Spiel mitgebracht „Alle contra mich“, so etwas Ähnliches wie Trivial Pursuit, nur dass einer gegen die ganze Gruppe antrat und es noch ein paar weitere Finessen gab. Es war von Copyright-Verletzungen die Rede, die öffentliche Diskussion war noch nicht beendet. Anna spielte nicht so gern, Susanne war verrückt nach Spielen. Bernd als Gastgeber hatte sein Pokerface aufgesetzt als die Frage kam „Sollen wir das nicht mal spielen?“

„Wenn Ihr wollt … wir können abstimmen, bei fünf Stimmen wird das Ergebnis eindeutig.“

Anna lächelte: „Nicht, wenn sich einer enthält.“ Genau das, was Bernd zu tun gedachte!

„Nein, nein, enthalten gilt nicht!“, rief Susanne, die sich bereits in die Bedienungsanleitung vertieft hatte. Anna hielt einen Becher mit dampfendem Kaffee in der Hand, sie mochte den Geruch. Sie gab noch zwei Teelöffel Zucker hinein und während sie das dunkle Gebräu sorgfältig umrührte, liebkosten ihre Augen die Plätzchenschale. Heidesand schwarz-weiß gestreift, wie lecker. Und da… Waffelröllchen mit hellen Enden! Gut erzogen wartete sie darauf, dass der Gastgeber die Schale herumreichte und alle aufforderte, zuzugreifen. Was er kurz darauf mit einer Handbewegung tat: „Greift doch zu!“. Anna setzte ihren Kaffeebecher vorsichtig neben das Bettsofa und nahm sich sofort die beiden sichtbaren Waffelröllchen, geschickt fischte sie sie aus der Menge aller Kekse, die diese beiden fast verdeckten. Sie hielt die Röllchen in der einen Hand, wobei sie die kleinen Gebäckstücke so zwischen Daumen und Zeigefinger legte, dass die Schokoladenenden nicht verletzt wurden. Sie hob den Becher wieder an. Während sie ein Röllchen genussvoll in den Mund steckte und langsam zwischen Gaumen und Zunge zerdrückte, legte sie besonders Wert darauf, den Schokoladengeschmack zu erhaschen. Ah, wie lecker! Während die anderen über Abstimmung und Spiel diskutierten, scannten ihre Augen erneut die halbvolle Schale, das zweite Waffelröllchen hielt sie fest in der Hand. Als Anna aufsah, schaute sie genau in Bernds Augen. Diesen Blick konnte sie nicht deuten. Kein Lächeln war in seinen Augen, als er die Mundwinkel nach oben zog und sie fragte: „Schmecken dir die Plätzchen?“ Anna schluckte den Rest des ersten Röllchens langsam hinunter. „Ja, danke. Vor allem…“, sie stockte, als sie sah wie sich Bernds Augen zu Schlitzen verengten, „ja, vor allem der Heidesand“. Bernd starrte auf das Waffelröllchen in ihrer Hand. „Ah ja“. Ein merkwürdiger Gastgeber, dachte Anna.

Nun kam es zur Abstimmung. Anna spielte nicht so gern Gesellschaftsspiele, war aber vom Treffen der Blicke über der Keksschale noch so verwirrt, dass sie auf die Frage: „Wer will mitspielen?“ die Hand hob.

Eine Enthaltung (Bernd), eine Gegenstimme (Clemens) und drei waren dafür: Anna, Susanne und Daniela. Susanne pickte sich drei Schokolinsen aus der kleinen Schale neben den Plätzchen, zwei in Rosa, eine in Weiß. Diese schon den Großeltern bekannten Süßigkeiten waren ihr Gastgeschenk gewesen. Daniela rief: „Prima, Clemens, du bist es selbst schuld, aber jetzt gilt: Alle contra Clemens.“

Während Susanne die Karten verteilte und Daniela nochmals die Regeln für alle erklärte, nahm auch das zweite Waffelröllchen in Annas Hand den Weg, der ihm vorbestimmt war. Anna fühlte sich nicht wohl, die freundliche Ausstrahlung des Apartments konnte sie in Bernds Person nicht wiederfinden. Warum um Himmels Willen gönnte er ihr die Waffelröllchen nicht? Dann hätte er sie eben früher herausnehmen müssen, wenn er sie selbst essen wollte. Meine Güte, er war doch erwachsen, kann man sich da so haben wegen ein bisschen Gebäck?

Clemens übernahm die Rolle im Spiel mit Bravour. Auch wenn er die Regeln ungeheuer kompliziert fand, kam er schnell damit zurecht. Daniela, die das Spiel gut kannte, war wohl die Einzige, die die Regeln beherrschte, und regte sich ein paar Mal ziemlich auf, weil es hier zu Regelverstößen kam. Mit kleinen roten Flecken am Hals, klopfte sie auf die Bedienungsanleitung: „Hier steht es aber anders, Clemens, als du es jetzt machst!“

Clemens nahm selten etwas sehr ernst, keine richtigen Regeln und schon gar keine Spielregeln. In der Grundschule war er unschlagbar im Kartenspiel „Mogeln“ gewesen. Kein Wunder daher, dass er nach seinen Maßstäben die erste Runde sehr schnell gewonnen hatte. Daniela saß mit langem Gesicht auf dem Sofa: „Wenn ich so spielen würde, gewänne ich auch jedes Spiel!“

Clemens lachte nur leise und begann die zweite Runde. Eine komische kleine Gesellschaft, die hier zusammengekommen war. Bernd kannte er schon lange und konnte ihn gut leiden. Er war so erfrischend normal irgendwie, immer gastfreundlich, ein guter Zuhörer. Sie hatten oft Spaß miteinander. Clemens warf Bernd einen Blick zu, sein Freund kam ihm heute irgendwie merkwürdig verbissen vor. So kannte er ihn gar nicht. Clemens und Susanne waren häufig Nachbarn in der Bahn, auf dem Weg zur Arbeit. Daniela war eine alte Bekannte von Bernd, die er aber noch nie zuvor gesehen hatte, aber sehr wohl aus einigen Anekdoten kannte. Anna war ein unbeschriebenes Blatt für ihn. Eine hübsche junge Frau, mit einem offenen Lächeln. Bernd und Anna jeweils für sich genommen, hinterließen einen netten und sympathischen Eindruck, dennoch war die Atmosphäre im Raum irgendwie merkwürdig.

Jetzt griffen Bernd und Anna gleichzeitig zum gerade freigelegten Waffelröllchen. Die Hände gefroren über der Keksschale, der Blickaustausch zwischen den Beiden war geladen. Clemens war geübt darin, eine miese, traurige oder gespannte Atmosphäre zu entspannen, das hielt er für eines seiner großen Talente. Mittlerweile waren alle in Stimmung contra Clemens, irgendwie gefiel es ihnen nicht, wie er die Regeln überhaupt nicht einhielt und dann noch lauthals lachend behauptete, jetzt sei er aber auch Gewinner von Runde zwei.

Ihn machten so Spannungen nervös. Meine Güte, was war denn los heute? Die Chemie stimmte einfach gar nicht. Alle contra Clemens, auch in echt. Und so lenkte er die Aufmerksamkeit von sich, er war doch witzig, oder? Er lachte in die Runde: „Susanne, vielleicht solltest du beim nächsten Mal anstatt Anna ein großes Waffelröllchen mitbringen?“

 

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