Dank Doris (1/3)

Dank Doris

Boris rührte mit seinem Löffel durch den Eissee. Er mochte es, wenn das Eis vor ihm auf dem Teller zu einem kleinen See floss, den er dann Löffel für Löffel wegschleckte, bis wieder ein Eisberg übrigblieb, der nur ein wenig kleiner war. Schicht um Schicht ließ er ihn zerfließen, um dann die süße klebrige Flüssigkeit genüsslich vom Löffel zu saugen. Wie sonst auch sollte man ein Fürst Pückler-Eis so essen, dass es schmeckt? Ihre Gastgeberin strich Boris übers Haar, „Wirklich, man könnte meinen du bist David, du siehst ihm so ähnlich!“ Boris atmete erleichtert auf, es gab auch Besuche, an denen sie ihn mit den Worten „Oh, David, wie schön dich wiederzusehen“ an den flachen Busen quetschte.

Er hatte lange einen richtigen Widerwillen gegen diese Besuche gehabt, dies aber seiner Mutter zuliebe nicht gesagt. Mittlerweile war er fast erwachsen, so befand er, und konnte mit der Situation umgehen. Es war so eine Art Fasching mit Verkleidung und ein bisschen Theaterspielen.

Seine Mutter, die er über alles liebte, saß häufig abends an seinem Bett, strich ihm über den Kopf – was er in diesem Fall durchaus angenehm fand – und seufzte. „Ach, Boris, schau dich um in unserer hübschen Wohnung, wo es uns so gut geht. Und das alles dank Doris!“

Obwohl sie seine Patentante und Vaters älteste Schwester war, sagten sie immer Doris, niemals Tante Doris. Unsere großzügige Patentante, „Doris“.

Okay, es war gelegentlich ein bisschen creepy. Aber mittlerweile steckte er das locker weg. Wenn der Besuchssamstag kam, sagte er seinen Freunden ab. Er zog die halblange Hose mit den Hosenträgern, das karierte Hemd mit Kragen, die Kniestrümpfe und die Schnürschuhe an. Immerhin hatte er durchsetzen können, dass es Schnürsportschuhe waren und wenn ihn draußen jemand sah, fiel seine etwas altbackene Kleidung unter dem Parker im Winter gar nicht auf. Und ihm Sommer trug er Shorts, das kann jeder, das fällt schon gar nicht auf.

Manchmal träumte er davon, dass sie seine beiden kleinen Schwestern doch wieder mitnehmen könnten. Die Zwillinge kicherten immer vor sich hin, er konnte prima mit ihnen spielen, mit ihrer förmlich unstillbaren Heiterkeit brachten sie immer Sonne und Frohsinn in sein Leben, aber der eine Versuch, die Beiden auf sein Drängen hin mit zu Doris zu nehmen, war kläglich gescheitert. Doris, die sonst immer die Güte in Person war, das rosige faltige Gesicht immer zu einem Lächeln bereit, war äußerst übellaunig. Sie saßen um den Tisch, Sarah und Stephanie patschten mit den Löffeln ins Eis und lachten sich halb tot über etwas, was außer ihnen niemand verstand. Doris‘ Mund wurde zu einem schmalen Schlitz, selbst Boris warf sie einen üblen Blick zu und raunzte ihn an, er solle gefälligst gerade sitzen – während er sonst nichts tun konnte, was ihr falsch vorkam: Selbst als er einmal die ganze Kanne Kakao umgestoßen hatte, war sie nicht böse, sondern holte schnell einen Lappen und tröstete ihn sogar noch.

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