Dank Doris (2/3)

Der Besuch mit den Schwestern endete in einem Fiasko. Doris strahlte so viel Ablehnung aus, dass die Zwillinge schließlich anfingen lauthals zu weinen, was Doris mit hektischen Flecken auf Hals und Gesicht quittierte. Als sie auch noch die Kanne mit Kaffeesahne umstießen und sich die Sahne einen Weg über die Wachstuchdecke bis zur Tischkante suchte, von wo aus sie in immer schneller fallenden Tropfen den Weg auf den Perserteppich fand, verlor Doris vollends die Fassung, brüllte die Zwillinge an, „Ihr Ferkel, schaut, was Ihr hier gemacht habt!“ Dabei packte sie die beiden sehr, sehr fest am Handgelenk. Schließlich zischte sie „Ich glaube, ich muss mich jetzt hinlegen und es ist besser, Ihr geht!“ in Richtung seiner Mutter. Als sie an der Tür standen, die Zwillinge mit klebrig-dreckigen Eisfingern weinend am Mantel ihrer Mutter hingen („Den Mantel muss ich unweigerlich in die Reinigung geben…“), wurde Doris doch noch einmal freundlich. Sie strich Boris über den Kopf: „Ich würde mich wirklich freuen, David, dich und deine Mutter bald einmal wiederzusehen.“

Nachdenklich begleitete Boris seine Mutter und seine Schwestern nach Hause. Abends, als seine Mutter kam, um ihm gute Nacht zu sagen, richtete er sich auf. „Mama, ich will da nicht mehr hin! Wie kann man so hässlich zu Sarah und Stephanie sein, die haben doch nichts Böses getan, das war doch keine Absicht! Und es ist so unfair, als ich den Kakao umgeworfen habe, sah alles viel schlimmer aus und da hat sie gar nicht geschimpft.“ Seine Mutter sah ihn traurig an. „Ich weiß, Boris, aber schau – ohne Doris müssten wir wieder in so eine schrecklich beengte Wohnung ziehen, ich müsste wieder zwei Jobs annehmen und hätte überhaupt keine Zeit für euch.“ Es stimmte, seit Doris sich zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters begonnen hatte, um sie zu kümmern, war vieles besser geworden. Keine Zwei-Zimmer-Wohnung mehr, die Zwillinge und er hatten jeweils ein Zimmer für sich. Seine Mutter sah viel glücklicher aus, weil sie nur noch halbtags in einem Getränkeladen arbeitete und nicht noch nach einem Ganztagsjob in einem Supermarkt zusätzlich abends noch vier Putzstellen übernahm.

Es wäre wirklich undankbar, das sah er ein, Doris da nicht ein wenig entgegenzukommen. So schlecht schmeckte das Streifeneis eigentlich gar nicht, und auch die Schokoküsse, die Doris hartnäckig „Negerküsse“ nannte, waren lecker. Er hatte sich an diese Art der Besuche gewöhnt, sie drückte ihm zum Schluss auch immer einen Schein in die Hand. Er teilte das Geld zu Hause mit seinen Schwestern, das war ihm ganz selbstverständlich. Sie konnten sich so freuen! Da er fünf Jahre älter war als sie, kam er sich im Vergleich total erwachsen vor. Seine Mutter betonte doch auch immer, was er für eine große Hilfe im Umgang mit den Kleinen war. Manchmal nannte sie ihn „Mein Großer!“, und dann war er ganz stolz.

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