Dank Doris (3/3)

Er zog mit seinem Löffel Schlangenlinien durch das Eis und dachte an das Fußballspiel nächste Woche. Sein Team wollte unbedingt die Schulmeisterschaft gewinnen. Wie üblich hing er seinen Tagträumen nach und nur wenn sein Name (oder der Name „David“) fiel, blickte er auf und lächelte bejahend. Oder er hatte die letzte Frage noch mitbekommen und antwortete passend: „Ja, ich würde gerne Pilot“. Dann glühte Doris vor Stolz und sagte zu seiner Mutter „Er kommt so ganz nach seinem Vater!“. Seine Mutter nickte, obwohl Boris genauso gut wusste wie sie, dass sein Vater allenfalls als Straßenbahnpilot hätte bezeichnet werden können.

Er löffelte sich jetzt eine Schlucht in den verbliebenen Eisberg. Er hörte daher nur mit einem halben Ohr, wie seine Mutter auf eine ihm verborgen gebliebene Frage antwortet: „Ja, ich denke schon, dass der Junge mal gerne ein Wochenende bei dir bleiben möchte!“ Er schaute verdutzt auf, wie bitte? Seine Mutter warf ihm einen beschwichtigenden Blick zu. Vielleicht ein ganzes Wochenende David heißen? Hmmmm. Seine Freunde nicht sehen, das Kichern der Schwestern nicht aus dem Nachbarzimmer hören, wenn er aufwachte? Mit steigendem Unwohlsein hörte er Doris‘ Worte: „Der kleine Schatz kann doch gleich hierbleiben, ich habe alles hier für ihn, was ein Junge so braucht.“ Seine Mutter warf ihm einen beschwörenden Blick zu. Er mochte ihr keinen Wunsch abschlagen und hoffte nur, sie würde das „NEIN, bitte nicht!“ aus seinem Blick lesen. Aber sie machte einen auf Blickanalphabetin.

Und so gingen sie zur Tür, seine Mutter drückte ihn an sich und flüsterte „Sei ein guter Junge, Boris, es wird bestimmt nett und du weißt doch – dank Doris geht es uns so gut.“ Und damit drehte sie sich um und ging, winkte noch einmal. Er stand wie erstarrt an der Haustür. Da legte sich eine knochige Hand fest und drückend auf seine Schulter. „Komm, mein kleiner David, ich zeige dir dein Zimmer!“ Wenn sie wenigstens nicht noch David gesagt hätte!

Sie schob ihn zur Treppe, hinauf in den ersten Stock, wo sie sonst nie hinkamen. Sie gingen über einen abgeschabten Flauschteppich undefinierbarer Farbe. Aus ihrem eisernen Griff gab es kein Entkommen. Er traute sich nicht, sie anzusehen, weil er sicher war, dass sie zum Vampir geworden war. Dann öffnete sie eine Tür, auf die ein paar unbeholfene Kinderzeichnungen geklebt waren. „Hier, David, da kannst du warten, bis ich dich rufe.“

Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und mit Entsetzen hörte er, wie sie den Schlüssel im Schloss drehte. Er lief zum Fenster, es ließ sich nicht öffnen und war mit einem starken Gitter versehen. Ihm wurde übel. Er rüttelte an der Tür, er rief mit Tränen in den Augen: „Doris, Doris, bitte komm!“

Eine gefühlte Ewigkeit später hörte er ihre Schritte die Treppe hochkommen. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, „ich komme doch schon, mein kleiner Engel… nicht weinen, David, ich hole dich jetzt ab.“

Seine Mutter brachte gerade die Mädchen ins Bett, die Boris total vermissten, weil er abends immer noch ein wenig vorlas und Geschichten erzählte. Er kannte die tollsten Geschichten der Welt, niemand im Kindergarten hatte so einen tollen Bruder wie sie. Ihre Mutter erklärte ihnen, dass Boris übers Wochenende bei Doris blieb. „Es geht uns doch so gut, alles dank Doris.“

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