Einschließlich Elke (1/3)

Einschließlich Elke

“Alle sollen bei der Weihnachtsfeier dabei sein, alle!”

„Aber Frau Schmittgens, Sie wissen doch… Elke dürfen Sie auf keinen Fall unterschätzen.“

„Ich unterschätze Elke keineswegs, oh, nein – aber auch sie hat Rechte, Rechte auf ein Leben mit Beteiligung an kleinen gesellschaftlichen Veranstaltungen. Wir können, nein: Wir dürfen sie nicht von allem fernhalten.“

Frau Obermeier warf ihrer jungen Kollegin einen prüfenden Blick zu. Sie mochte sie gut leiden, weil Kollegin Schmittgens voller Enthusiasmus und sehr kompetent war und im Grund die richtige Einstellung hatte. Sie gingen häufig zusammen in die Kantine, konnten sich über viele Dinge lange unterhalten und auch zusammen lachen. Sie sollte ihr bald einmal das Du anbieten.

„Wussten Sie übrigens, dass sich Elke mit Doris angefreundet hat?“ Frau Obermeier war überrascht, weil sie nicht gedacht hatte, dass Elke sich überhaupt mit einer Frau anfreunden würde, da sie eigentlich allen Ärzten und männlichen Pflegekräften, na, nicht gerade nachstieg, aber schon mehr an ihnen interessiert war. Sie erinnerte sich noch an das erste Mal, als sie Elke gesehen hatte. Sie wurde vom Gerichtsaal in Begleitung zweier kräftiger Polizistinnen direkt zu ihr und ihrem Institut gebracht. Frau Obermeier sprach lieber von „meinem Institut“ als von „meiner Klinik“. Sie machte einiges anders und war in vielen Fällen erfolgreich mit ihren Methoden. Respekt, Freundlichkeit, dennoch eine feste Hand mit viel Verständnis half in vielen Fällen, zugegebenermaßen seltener in den extremen Fällen. Auch im geschlossenen Trakt ging es anders zu als in anderen Häusern. Sie hatte sich auf die Aufnahme von Frauen spezialisiert, weil sie glaubte, dass zusätzliche männliche Insassen nur zu Zickenkrieg und ähnlichem führen würden, egal, wie alt oder jung ihre Klientel war.

Gleich bei Einweisung führte sie ein Erstgespräch mit den Neuen, nahm sich für jede eine Stunde Zeit. Einer der ersten Hinweise war stets, dass sich – bis auf das Management und das Ärzteteam – alle mit Vornamen ansprachen, aber siezten. Das ist vertrauter Respekt, erläuterte sie dann. Ihr Institut war ein teures Experiment, denn die Zahl der Mitarbeiter lag deutlich über dem Durchschnitt. Experiment heißt auch, das genau berichtet werden muss. Am Ende jeden Monats saß Frau Obermeier am Laptop, notierte Zahlen in Tabellen und wandelte sie in PowerPoint-Folien um, fügte diese in den Bericht ein, erläuterte die Abbildungen in Textform, wobei sie ungeschönt auf schlechte Entwicklungen hinwies, aber natürlich auch Erfolge hervorhob. Sie bemühte sich redlich um Objektivität.

Sie hatte hart für diesen Erfolg gekämpft und sie wusste, dass sie sich keinen Patzer erlauben durfte. Eine Patientin, die vom Freigang nicht zurückkam, eine kleine Revolte, ein Drogenfund, ein Ausbruchversuch – der Vorstand der Gesellschaft, die hinter ihrem Projekt stand, würde sofort den Geldhahn zudrehen und sie ohne zu zögern aus dem Job hebeln. Dies war ein ungeheurer Druck, aber sie verstand es, dies in eine letzte Ecke des Gehirns zu schieben, sonst könnte sie ihre Arbeit gar nicht richtigmachen. Dass man gerade ihr so schwere Fälle wie Elke oder Doris zugewiesen hatte, betrachtete sie als Kompliment und Zeichen von Vertrauen. Sie wusste nicht, dass genau das Gegenteil der Fall war und diejenigen im Vorstand, die sie gerne ruiniert sehen wollten, ihr genau die schwersten Fälle hatten zukommen lassen, natürlich unter dem Mantel des Vertrauens.

Ein Gedanke zu “Einschließlich Elke (1/3)

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