Einschließlich Elke (2/3)

Dass Elke und Doris jetzt bei den Mahlzeiten kleine Gespräche führten, freute sie sehr, denn beide waren sozial besonders schwierig. Auch wegen des Altersunterschieds war es erstaunlich. Nun, mit der Weihnachtsfeier war es nicht so einfach. Bei den Mahlzeiten durften in der geschlossenen Abteilung gelegentlich mehrere Frauen gleichzeitig essen, es war genug Personal dabei, falls es doch zu einem Zwischenfall käme. Aber so eine Weihnachtsfeier, dunkle Räume, brennende Kerzen, viele Menschen auf engem Raum, sie war sich nicht sicher.

Anders Frau Schmittgens. Sie hatte stundenlange Gespräche mit Elke geführt. Elke sprach gerne und offen über sich und ihre Vergangenheit. Doris war eher verschlossen, aber immer freundlich. An sie kam sie nicht so richtig heran. Elke war da ein anderer Fall. Sie sah deutliche Fortschritte. Elke entwickelte Selbstkritik. Während sie anfangs niemals zugelassen hätte, dass sie vielleicht falsche Dinge getan hätte und all ihre ungeheuerlichen Taten rational begründete, fand Schmittgens, dass das doch mittlerweile anders war. So hatte Elke noch in der letzten Einzelsitzung gesagt, dass sie doch an Johnny gehangen habe und dass sie teilweise gar nicht mehr wisse, wieso sie diesem Mann, der ihr so viel bedeutete, letztendlich den Tod gebracht hatte. Ist das nicht eine erste Einsicht? Auch wenn sie über andere Dinge sprachen, starrte Elke nicht mehr unbewegt auf ein Bild an der gegenüberliegenden Wand und zuckte nur mit den Achseln. Sie fing an zu erklären, warum sie Blut sehen wollte und musste. Das hatte alles etwas mit ihrer Kindheit zu tun, einem brutalen Vater, einer heimlich trinkenden Mutter und einem Bruder, der sie jahrelang missbraucht hatte. Und sie hatte so lange ihre unheimlichen Triebe in Schach gehalten! Elke hatte sehr plastisch geschildert, wie sie versucht hatte, Fuß im normalen Leben zu fassen, ein normales Leben zu führen. Bis eben diese Sache mit Manfred passiert war, da hatten sich Schleusen geöffnet. Elke kippelte mit dem Stuhl vorwärts und rückwärts, wenn sie von dem Blutbad bei dieser Familie erzählte. Sie berichtet stockend, dass sie die Faszination nur noch teilweise verstehen könnte, teils schauderte vor ihr selbst. Ein beachtlicher Erfolg!

Zwar würde Elke niemals wieder das Institut verlassen dürfen, das war gerichtlich festgelegt, aber vielleicht könnte die eine oder andere Maßnahme gelockert werden? Sie wurde auch immer hilfsbereiter, nahm an Bastelkursen, Singstunden und Ähnlichem teil. Neulich hatte sie sogar gefragt, ob sie nicht einen höheren Schulabschluss machen könne. Erstaunlich diese Elke. Frau Schmittgens zog die Augenbrauen entschlossen zusammen, ja, die Weihnachtsfeier sollte mit allen stattfinden, allen, einschließlich Elke. Sie würde ihr das bei der nächsten Sitzung mitteilen und war sich sicher, dass Elke sich darüber freuen würde, so wie sie sich bis jetzt nach jeder Lockerung, und sei sie noch so klein, richtig gefreut und bei ihr bedankt hatte.

Elke lag auf ihrem Bett und dachte nach. Bisher war alles gut gelaufen. Sie hätte sich gerne bei den unbekannten Gönnern bedankt, die dafür gesorgt hatten, dass sie einer so modernen Einrichtung zugewiesen wurde. Alles sauber und adrett, einige kleine Freiheiten, mit denen sie gar nicht gerechnet hatte. Besondere Aufmerksamkeit widmete sie ihrem Kosmetikköfferchen, das sie sich zum vorletzten Geburtstag gewünscht hatte, ja, auch so etwas war hier möglich. Gutes Aussehen war ihr nach wie vor wichtig. Ein Spiegel im Zimmer wurde ihr zwar abgeschlagen (man könnte möglicherweise eine Waffe daraus herstellen…), aber wo sie nur konnte, versuchte sie ihr Spiegelbild zu erhaschen. Sie ließ sich nicht gehen.

 

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