Einschließlich Elke (3/3)

Gelegentlich dachte Elke durchaus an Johnny. Er war ein guter Einstieg in Gespräche, um eine gewisse Reue anzudeuten. Nicht zu viel, das wäre auffällig. Sie dachte immer an den Film „Gaslicht“ mit Ingrid Bergmann. Sie erinnerte sich besonders an die Szene, als die zu Unrecht eingesperrte Bergmann schließlich den Dreh fand, wie sie aus der Anstalt herauskam: Sie sagte ‚Ja, ich bin verrückt!‘. Genial, denn alle waren sich einig, dass so etwas kein Verrückter sagen würde. Dies war ihre Leitlinie.

Sie war besser denn je im Planen. Es gab noch einige Gelder, von denen nie jemand etwas erfahren hatte. Sie arbeitete langsam und sorgfältig auf Tag X hin. Er würde kommen, da war sie sicher. Als Frau Schmittgens ihre Sitzungen übernahm, war Elke sehr erleichtert. Sie kannte diesen Typ Frau, immer hilfsbereit, immer verständnisvoll. Und was noch besser war – ihre Statur war ihrer eigenen ähnlich. Gut, sie war nicht so wohlproportioniert und trainiert wie Elke, aber etwa gleich groß und nur ein bisschen schwerer.

Heute hatte wieder eine dieser Sitzungen stattgefunden. Elke machte es Spaß, die Geisteskranke zu mimen. Frau Schmittgens war so dankbar für alle Hinweise – auf die grauenhaften Verwandten, wie sie hatte zusahen müssen, wie ihr Vater ihr Lieblingskaninchen mit Namen „Boris“ geschlachtet hatte und ihr dann am nächsten Tag ein Stück Fleisch mit den Worten auf den Teller gelegt hatte: „Hier ist der Unterschenkel von Boris“, wobei er sadistisch lachte, „und das isst du jetzt auf, oder du bekommst Prügel! Oder du kommst heute Nacht wieder zu deinem Bruder ins Zimmer!“ Und sie erzählte, wie sie unter Tränen die ganze Portion gequält in sich hineingestopft hatte, nur um Schlimmerem zu entgehen. Elke war da Doris sehr dankbar, dass sie ihr den Namen Boris geliefert hatte. Irgendwie machte das die Geschichte glaubhafter. Elke dachte kurz an ihre Jugend und die Kaninchen zurück, die sie zu Hause hatten. Niemand hatte herausgefunden, wer damals dem Kleinsten nachts den Hals umgedreht hatte. Oh, das hatte so wunderbar geknackt… Aber Boris hieß dieses Kaninchen nicht. Elke lächelte. Frau Schmittgens hatte eifrig Notizen gemacht, Fragen gestellt und sie mit einem Blick voller Mitleid angeschaut. Elke hatte ein paar Tränen aus den Augen fließen lassen – eine Fähigkeit, die ihr schon als kleines Kind von Vorteil gewesen war – und sich innerlich köstlich amüsiert. Sie hatte genug Bücher über Psychologie gelesen, um zu wissen, was sie hier erzählen musste. Während sie daran dachte, wie sie dem angeblichen Boris den Hals umgedreht hatte, fiel ihr auf, dass Frau Schmittgens einen recht langen Hals hatte. Wie laut der wohl knacken würde…

Frau Schmittgens hatte die letzte Sitzung mit Elke vor der Adventszeit auf vier Uhr nachmittags gelegt. Elke sagte immer, dass sie besser denken und erzählen könne, wenn es draußen nicht mehr ganz so hell ist.

Die Sitzung verlief erfolgreich. Frau Schmittgens verließ das Besprechungszimmer offenbar mit sich selbst zufrieden. Sie hatte den dicken Wintermantel bereits verschlossen, ein dicker Schal schützte ihre Mundpartie, die Mütze hatte sie tief über die Ohren gezogen. Sie nickte Peter Peisani, dem neuen Wachmann, freundlich zu. Elke hatte schon von Anfang an darum gebeten, nach den Sitzungen zehn Minuten allein im Raum bleiben zu können. Warum auch nicht, der Raum hatte nur einen Ausgang und da stand immer Personal. In diesem Haus versuchten eben alle, soweit wie möglich auf die Wünsche der Kranken einzugehen.

Peisani hatte genaue Anweisungen – waren die zehn Minuten um, sollte er an die Tür klopfen, unverzüglich die Türe öffnen und die Patientin den Gang hinunterbegleiten, wo sie dann von zwei kräftigen Damen in Empfang genommen wurde, die sie auf ihr Zimmer brachten.

Peisani schaute auf die Uhr, es war genau 17.40 Uhr: Zeit, Elke zurück zur geschlossenen Abteilung zu bringen. Peisani hatte bereits vor Antritt seiner Stelle von Elke gehört. Wer nicht gänzlich desinteressiert war, konnte sich damals dem Medienrummel kaum entziehen. Er klopfte an die Tür, öffnete sie und starrte in den halbdunklen Raum. Irgendetwas stimmte nicht, schon das Halbdunkel war merkwürdig. Er schaltete das volle Licht ein, sein Blick fiel auf das Sofa.

Es blieb ihm nicht einmal Zeit, den nächstgelegenen Papierkorb zu greifen, bevor er sich um Luft ringend übergab.

 

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