Für Frieder (1/2)

Für Frieder

Frieder war ein schöner Name, fand Tante Charlotte. Sie hatten in der Familie immer sehr traditionelle Namen gepflegt. Sie schauderte bei der Vorstellung, dass sie vielleicht Sarah, Sandra, Nadine oder Nicole hätte heißen können. Der Name Charlotte war hingegen wunderschön, so auch Frieder. Frieder selbst hätte lieber Felix geheißen, wie ein Schüler aus der Klasse über ihm, den er sehr bewunderte. Gleichzeitig wusste er, das es ihn schlimmer hätte treffen können: Wilhelm, Fritz oder Berengar. Was für ein Name! Eine entfernte Kusine seiner Mutter hatte ihrem kleinen Sohn den Namen Berengar gegeben. Das arme Kind! Da war Frieder mit seinen zwölf Jahren wirklich glücklich über seinen Namen.

Charlotte wusste, dass Frieder seinen Namen alles andere als liebte, das Beste war noch ein „Ist egal, Tante Charlotte, es gibt schlimmere!“ Er war ihr Lieblingsneffe, da gab es keine Konkurrenz. So ein netter blondgelockter Junge, schon als Baby war er ausgesprochen hübsch und niedlich gewesen. Charlotte, die selbst keine Kinder hatte, hielt selten mit ihrer Meinung hinter dem Berg, dass es durchaus sehr hässliche Kinder gäbe. Im Kreise der Familie wurde das eher mit eisigem Schweigen aufgenommen. Kinder waren immer hübsch, allein schon, weil sie Kinder waren.

Der Junge hatte bald Geburtstag und seine Tante hatte sich etwas Besonderes für Frieder ausgedacht. Schon seit Monaten plante und bastelte sie an der Ritterburg. Den Grundriss hatte sie selbst entworfen, die Häuser vor dem Schloss sorgfältig aus Bastelkarton hergestellt, bemalt und auf eine Grundfläche geklebt. Das Schloss selbst hatte sie als Modell gekauft. Da wäre sie beim Zusammenbauen wirklich fast dran verzweifelt, nichts passte, irgendwo schien ein Teil zu fehlen, aber schließlich hatte sie es geschafft und die Burg prangte nun inmitten einer wunderbaren Landschaft. Bei den Figuren hatte sie es sich einfach gemacht und vorgefertigte gekauft. Da gab es so eine reiche Auswahl! Wenn ihr der Gesichtsausdruck nicht gefiel, hatte sie diesen jedoch übermalt. Jede Burg braucht einen grimmig schauenden Ritter, genauso wie einen blonden Strahlemann-Ritter. Alles war vorhanden. Den Schleier für das Burgfräulein hatte sie aus feiner Gaze zugeschnitten und an die spitze Papierkappe geklebt. Allerliebst! Das Aufkleben der exakt zweihundertvierzehn winzigen Büsche und Bäume verschiedener Größe hatte eine besondere Geduldsprobe dargestellt. Noch drei Tage bis zum Geburtstag und die Burg war nahezu fertig. Den Zaun wollte sie nun doch in einem helleren Ton streichen, dem Burgfräulein wollte sie noch eine gute Freundin an die Seite stellen. Aber es lag noch ein Wochenende dazwischen, kein Problem. Sie war sehr glücklich und stellte sich immer vor, wie Frieders Augen leuchten würden, wenn er die Decke vom Geschenk ziehen würde. Sie hatte ihrer Schwester Marianne von ihrem Plan erzählt, diese schien nicht so begeistert. Aber wann immer sie etwas sagen wollte, hatte Charlotte sie unterbrochen. „Von so einer Burg träumt doch jeder kleinen Junge! Und Frieder ist ein rechter Träumer.“ Da ihre Schwester so fest überzeugt war, sagte Marianne nichts. Vielleicht täuschte sie sich, immerhin bestand wirklich ein besonderes Band zwischen Charlotte und Frieder, sodass Marianne manchmal fast eifersüchtig wurde, wenn sie sah, mit wie viel Freude Frieder ein Wochenende bei Charlotte verbringen konnte. Er erzählte immer ganz aufgeregt, was sie für tolle Dinge gemacht hatten: Bei MacDonalds essen gehen, den Wildpark besuchen, eine Uhr aus Einzelteilen zusammenbasteln.

Charlotte hatte eine besondere Decke im Sinn, die sie noch kaufen wollte. Groß, quadratisch und moosgrün. Damit wollte sie die Burg abdecken, später könnte die Decke als Unterlage dienen – quasi eine große grüne Wiese. Ihr Nachbar half ihr dankenswerterweise, am Vorabend das komplizierte Gebilde in den Kofferraum zu stellen. Nun nur noch die Decke. Wenn es nicht das gab, was sie sich vorstellte, würde sie eben etwas Anderes nehmen müssen.

Sie schlenderte durch die Stadt. Schön, dass die Geschäfte abends nun solange geöffnet hatten. Sie betrat das kleine Kaufhaus, das über eine wunderbare Stoff- und Bastelabteilung verfügte. Wie viele Teil für ihre Burganlage hatte sie hier nicht gekauft: die kleine Brücke über den Fluss, einige Stalltiere und vor allem den bösen Wolf, der mit hängenden Lefzen sehr gefährlich über den Zaun guckte. Sie fand genau das, was sie gesucht hatte. Fröhlich und voller Vorfreude fuhr sie zu ihrer Schwester. Sie selbst konnte am nächsten Morgen leider nicht dabei sein, wenn Frieder sein Geschenk „auspackte“. Schon vor drei Monate hatte sie einen wichtigen Arzttermin bekommen, den sie nicht absagen konnte, weil sie so lange darauf gewartet hatte.

Sie fuhr zur Wohnung ihrer Schwester. Ihr Schwager half ihr, die Burg hochzutragen, die bereits mit der Decke geschützt war. Auch sonst niemand in der Familie sollte sehen, wie schön die Burg geworden war.

Marianne deckte morgens den Geburtstagstisch mit der obligatorischen Geburtstagstorte, diesmal mit dreizehn Kerzen. Wie lange würde sich Frieder das noch wünschen? Er wurde immerhin jeden Tag erwachsener. Sie seufzte… an Kindern merkst du, wie du älter wirst, hatte sie letzte Woche noch zu ihrem Mann gesagt.

Frieder war schon seit vier Uhr wach. Seine Tante Charlotte, das wusste er, hatte immer die tollsten Geschenke und sie hatten alle so ein Geheimnis darum gemacht, dass er schon seit Tagen voller Erwartung war. Er ging durch alle seine Träume, geheime und bekannte, und wusste nicht, was er sich am meisten wünschen sollte. Doch, schön, er lächelte. Sein Superwunsch war etwas riesig, aber seine Tante war auch riesig. Er lächelte froh, drehte sich nochmals um und starrte in die Dunkelheit, ohne zu merken, dass er wieder einschlief. Und so war er ganz verschlafen, als seine Mutter ihn um sieben Uhr weckte.

„Nein, du ziehst dich erst an und frühstückst, bevor du die Geschenke auspacken darfst!“ Er zog einen Flunsch, na gut, hastig zog er seine Sachen an, klatschte ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht, was heute als Wäsche reichen musste. Auch am Frühstückstisch musste ihn seine Mutter mehrmals ermahnen, langsam zu essen und nicht zu schlingen. Er war ganz zappelig. Die große Doppeltür zum Wohnzimmer war noch geschlossen. Dahinter war der Tisch mit seinen Geschenken….

Endlich war es soweit. Er stürmte ins Wohnzimmer und schaute sich um. Was war denn das dahinten auf dem Esstisch, abgedeckt mit einer wie ihm schien riesigen grünen Fleecedecke? Seine Eltern lächelten ihm zu: „Das ist von Tante Charlotte“. Er runzelte die Stirn, so etwas Großes? Er zog die Decke weg – und erstarrte. Die Röte lief ihm ins Gesicht, er war doch kein Baby mehr! Er war so sicher gewesen, dass sie ihm das neue Smartphone gekauft hatte, er hatte doch oft genug Tipps gegeben. Seine Enttäuschung wich einer maßlosen Wut, er zog die Burg vom Tisch, sie zerschellte in zwei Teile und er trampelte auf den Resten herum, als gelte es, eine feindliche Burg dem Erdboden gleich zu machen. Seine Mutter wollte ihn beruhigen, ihm erzählen, wie schön er doch damit spielen könnte. „Mama“, schrie er, „ich bin doch kein Kind mehr! Was für eine blöde Tante ist das denn? Ich will die doofe Kuh nie, nie, nie wiedersehen!“ Dabei zertrat er mit Wucht das Burgfräulein und ihre Freundin.

Seine Eltern waren fassungslos. So hatten sie ihren Sohn noch nie erlebt. Frieder packte seine Schulsachen und rannte raus. Am Gartentor stand Kevin, der trotz des Altersunterschieds von anderthalb Jahren sein bester Freund war. Kevin lächelte ihn an, wollte ihm gratulieren und sein kleines Geschenk geben (er hatte sich wirklich von seinem Lieblingscomic getrennt!), als Frieder ihn ganz unvermittelt zu Boden stieß, ihm noch einen Tritt in die Seite gab und zur Schule lief.

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