Für Frieder (2/2)

Sie schlenderte durch die Stadt. Schön, dass die Geschäfte abends nun solange geöffnet hatten. Sie betrat das kleine Kaufhaus, das über eine wunderbare Stoff- und Bastelabteilung verfügte. Wie viele Teil für ihre Burganlage hatte sie hier nicht gekauft: die kleine Brücke über den Fluss, einige Stalltiere und vor allem den bösen Wolf, der mit hängenden Lefzen sehr gefährlich über den Zaun guckte. Sie fand genau das, was sie gesucht hatte. Fröhlich und voller Vorfreude fuhr sie zu ihrer Schwester. Sie selbst konnte am nächsten Morgen leider nicht dabei sein, wenn Frieder sein Geschenk „auspackte“. Schon vor drei Monate hatte sie einen wichtigen Arzttermin bekommen, den sie nicht absagen konnte, weil sie so lange darauf gewartet hatte.

Sie fuhr zur Wohnung ihrer Schwester. Ihr Schwager half ihr, die Burg hochzutragen, die bereits mit der Decke geschützt war. Auch sonst niemand in der Familie sollte sehen, wie schön die Burg geworden war.

Marianne deckte morgens den Geburtstagstisch mit der obligatorischen Geburtstagstorte, diesmal mit dreizehn Kerzen. Wie lange würde sich Frieder das noch wünschen? Er wurde immerhin jeden Tag erwachsener. Sie seufzte… an Kindern merkst du, wie du älter wirst, hatte sie letzte Woche noch zu ihrem Mann gesagt.

Frieder war schon seit vier Uhr wach. Seine Tante Charlotte, das wusste er, hatte immer die tollsten Geschenke und sie hatten alle so ein Geheimnis darum gemacht, dass er schon seit Tagen voller Erwartung war. Er ging durch alle seine Träume, geheime und bekannte, und wusste nicht, was er sich am meisten wünschen sollte. Doch, schön, er lächelte. Sein Superwunsch war etwas riesig, aber seine Tante war auch riesig. Er lächelte froh, drehte sich nochmals um und starrte in die Dunkelheit, ohne zu merken, dass er wieder einschlief. Und so war er ganz verschlafen, als seine Mutter ihn um sieben Uhr weckte.

„Nein, du ziehst dich erst an und frühstückst, bevor du die Geschenke auspacken darfst!“ Er zog einen Flunsch, na gut, hastig zog er seine Sachen an, klatschte ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht, was heute als Wäsche reichen musste. Auch am Frühstückstisch musste ihn seine Mutter mehrmals ermahnen, langsam zu essen und nicht zu schlingen. Er war ganz zappelig. Die große Doppeltür zum Wohnzimmer war noch geschlossen. Dahinter war der Tisch mit seinen Geschenken….

Endlich war es soweit. Er stürmte ins Wohnzimmer und schaute sich um. Was war denn das dahinten auf dem Esstisch, abgedeckt mit einer wie ihm schien riesigen grünen Fleecedecke? Seine Eltern lächelten ihm zu: „Das ist von Tante Charlotte“. Er runzelte die Stirn, so etwas Großes? Er zog die Decke weg – und erstarrte. Die Röte lief ihm ins Gesicht, er war doch kein Baby mehr! Er war so sicher gewesen, dass sie ihm das neue Smartphone gekauft hatte, er hatte doch oft genug Tipps gegeben. Seine Enttäuschung wich einer maßlosen Wut, er zog die Burg vom Tisch, sie zerschellte in zwei Teile und er trampelte auf den Resten herum, als gelte es, eine feindliche Burg dem Erdboden gleich zu machen. Seine Mutter wollte ihn beruhigen, ihm erzählen, wie schön er doch damit spielen könnte. „Mama“, schrie er, „ich bin doch kein Kind mehr! Was für eine blöde Tante ist das denn? Ich will die doofe Kuh nie, nie, nie wiedersehen!“ Dabei zertrat er mit Wucht das Burgfräulein und ihre Freundin.

Seine Eltern waren fassungslos. So hatten sie ihren Sohn noch nie erlebt. Frieder packte seine Schulsachen und rannte raus. Am Gartentor stand Kevin, der trotz des Altersunterschieds von anderthalb Jahren sein bester Freund war. Kevin lächelte ihn an, wollte ihm gratulieren und sein kleines Geschenk geben (er hatte sich wirklich von seinem Lieblingscomic getrennt!), als Frieder ihn ganz unvermittelt zu Boden stieß, ihm noch einen Tritt in die Seite gab und zur Schule lief.

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