Gegen Gabi (1/2)

Gegen Gabi

Es gibt keine normalen, modernen Vornamen mit G, dachte Gabi. Sie hatte dafür extra die beliebtesten Mädchenvornamen nachgeschaut, anschließend noch eine Liste mit Mädchennamen mit G. Darauf standen wirklich die seltsamsten Namen, aber nichts Gängiges so wie Sarah, Emily, Jana und was es da noch so gibt.

Da war also klar – sobald sie irgendwo ihren Namen sagte, wusste jeder: Aha, nicht mehr so ganz taufrisch. Das machte ihr an für sich nichts aus, aber bei der Arbeitssuche war das schon manchmal hinderlich, wenn sie erst gar nicht in die grobe Auswahl kam. Dabei war sie wirklich eine topfitte Buchhalterin, kannte die meisten entsprechenden PC-Programme aus dem F-F, besser als so manche junge Schnepfe. Das Problem war, dass ihre potentiellen Chefs alle jünger waren und daher dachten: Ach, Gabi… schon älter, keine Lust auf PC, die hält schon die Maus wie einen Fremdkörper in der Hand.

Sie musste nicht unbedingt arbeiten. Von ihrer Witwenrente und der Lebensversicherung konnte sie durchaus leben. Große Sprünge waren nicht drin, aber sie musste keinesfalls darben und der eine oder andere kleine Luxus war durchaus möglich. Aber sie wollte noch arbeiten. Sie hatte einen kleinen, feinen Freundeskreis, einige Bekannte, also war auch sozial nicht verarmt. Dennoch… den Finger noch im Geschehen haben, noch am Rad der Zeit aktiv mitdrehen, doch das wollte sie gerne noch. Immerhin hatte sie noch zehn Jahre, die sie gut mit etwas sinnvoller Tätigkeit ausfüllen konnte, die auch gleichzeitig ihre Finanzen noch etwas aufbesserte. Man weiß ja nie.

Also hieß es immer wieder bei den Bewerbungen: alle gegen Gabi. Manchmal wurde sie auch eingeladen, saß mit etwa zwanzig zwitschernden Mädels und ein paar mütterlichen Wiedereinsteigerinnen und wartete, dass sie aufgerufen wurde. Wenn es überhaupt so weit kam. Sie war kompetent, das wusste sie, sie konnte sich auch gut darstellen und verkaufen, dennoch klappte es nie. Langsam wurde sie ungehalten. Neun Monate suchte sie nun schon nach einem Job, war aber nicht so verzweifelt, dass sie alles gemacht hätte. Nein, es sollte schon im erlernten Beruf sein. Sie bildete sich auch weiter fort, las genau, was es für Neuerungen rechtlicher und technischer Art gab. Nicht, dass sie wirklich eines Tages ein Buchhaltungsprogramm wie ein Neuling anstarren würde.

Heute war wieder so ein Tag, sie war immerhin eingeladen worden. Sie war irgendwie übermütig drauf. Was soll’s, dachte sie sich, wenn es jetzt wieder nicht klappt, nehme ich mein Gespartes – das eigentlich für Notfälle gedacht war – und reise ein wenig durch Europa. Allein? Hmmm, das wäre noch zu überdenken.

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