Hinter Hendrik (1/3)

Hinter Hendrik

Hendrik hatte die große Kreuzung erreicht, links ging es zum Stadtzentrum, hinter ihm lag das Zentrum des Ortsteils, rechts ging es zur Autobahn. Und geradeaus … da gab es viel Wald, wenige Häuser, Wiesen. Er wusste es nicht so genau, mit seinen Eltern war er erst einmal dort entlanggegangen. Das war an einem Sonntagnachmittag gewesen.

Er schaute auf sein Smartphone. Geradeaus gab es drei große Schatzkisten, zwei Herbergen und vermutlich viele Monster. Er spielte dieses Spiel seit zwei Wochen und es zog ihn immer mehr in seinen Bann. Er hatte seinen Eltern versprochen, dass er nur bis in den Ortskern ginge. Aber Jan, sein bester Freund, hatte ihn beruhigt: „Ich komme mit dir, keine Sorge, du bist doch kein Feigling, für diese tollen Schätze kannst du auch mal neue Wege gehen. Und du möchtest doch heute noch in Level 17 aufsteigen?“ Hendrik wollte. Er schaute auf das Display. Es war stumm.

Wie er es gelernt hatte, haute er auf den gelben kleinen Kasten, der die Fußgängerampel auf Grün umspringen lässt. Er wartete geduldig. Endlich, er ging bis zur Mitte der vierspurigen Fahrbahn, und nur eine Minute später war er auf der anderen Seite. Er starrte ins Dunkel. Es gab noch eine Straßenlaterne, es gab auf der linken Seite sogar einen Bürgersteig. War die Straße also doch gar nicht so klein? Er marschierte weiter. Ein Auto kam ihm entgegen, es fuhr vorbei. Der befestigte Gehweg endete in wenigen Metern: Was würde passieren, wenn jetzt ein Auto käme? Er orientierte sich wieder mit der Karte des Spiels. In einigen Metern müsste ein Weg links abbiegen. Leider zeigte die Karte erst kurz vor Abbiegungen, ob der Weg auch wirklich zum Ziel führen würde oder ob die gesuchte Herberge doch auf abgesperrtem Privatgelände platziert war. Auf der rechten Seite stand ein Fachwerkhaus mit dunklen Schieferplatten, zwei Fenster waren erleuchtet. Also war es nicht total einsam hier und das könnte er seinen Eltern erzählen, falls sie sich später einmal Sorgen machten.

Er ging weiter, die Straße war nur spärlich beleuchtet. Rechts war ein Zaun, dahinter eine schwarze Wiese, die ins Nichts führte. Links schwarz geballtes Wirrwarr, waren das Büsche? Aus den Büschen blinkte es leicht und er hörte Gelächter. Es klang, als ob kleine Kobolde ihn auslachten. „Jan, Jan“ flüsterte er, „ist das noch okay hier?“ Nach einer Weile meldete sich Jan mit müder Stimme: „Geh weiter, die Kleinen treiben nur Schabernack mit dir, sie wollen dir nichts Böses.“ Er vertraute Jan voll, dennoch war ihm nicht so ganz wohl. An der ersten Abzweigung nach rechts ging er vorbei, das verwahrte er sich für den Rückweg, denn er hatte weiter unten eine weitere „Herberge“ entdeckt, der Platz für eines seiner Monster bot. Das hieß, er könnte morgen früh mehr Edelsteine abholen!

Er nahm die zweite Abbiegung, die zum Glück auch eine asphaltierte Straße darstellte, nicht wie vor zwei Tagen, wo ihn das Spiel auf einen Weg vollends in den Wald geführt hatte. Einen Wald voller Kobolde und Gespenster, und ohne Jans Beistand hätte er vermutlich doch geweint. Obwohl er gerne ein Held sein wollte. Er schritt die Straße entlang, nahm eine weitere Abzweigung, die ebenfalls über einen festen Weg führte. Die Straßen waren schwärzer als der wolkenlose Himmel, weil es vor einer Stunde noch geregnet hatte. Er hatte Glück, die Herberge lag so, dass er sie vom Weg aus erreichen konnte. Er setzte Pluto hinein, Aufgabe erfüllt, Zeit, zurückzugehen.