Hinter Hendrik (2/3)

Wie er es für das Gehen auf unbefestigten Straßen gelernt hatte, nahm er auf dem Rückweg die linke Straßenseite. Wieder vorbei an der schwarzen Wiese. Das Haus, das vor einer Viertel- oder halben Stunde noch Vertrauen und Gemütlichkeit ausgestrahlt hatte, sah verlassen aus, kein Licht brannte mehr. Er schluckte und ging weiter. Da sah er auch die Abzweigung, auf die er gewartet hatte. Die Straße war überraschend breit, ging leicht geschlungen bergauf. Sie war nicht asphaltiert, sondern mit Pflastersteinen besetzt. In regelmäßigen Abständen standen große Laternen, die ein orangefarbenes Licht verstrahlten. Links befand sich ein weißer Streifen, neben dem es einen asphaltierten Weg auf der Höhe der Straße gab. Die rechte Seite war mit umgelegten Holzquadern abgesetzt. Immer so ein Holzrechteck von ca. ein Meter Länge, dann eine offene Stelle von knapp einem Meter, dann das nächste Holzstück. Hendrik hatte so etwas noch nie gesehen, es schien ihm befremdlich.

Auf der Spielkarte sah er eine Kurve, dann links einen kleinen Kreisverkehr und wenn er dort links abbiegen würde, käme er zur nächsten Herberge. Das war aber noch ein Stück.

Die Straße war menschenleer, außer dem orangefarbenen fahlen Licht, das sich auf den feuchten Pflastersteinen spiegelte, gab es keine Abwechslung. Er hörte ein entferntes Brummen, als ob irgendwo ein Generator liefe. Wobei er keine Ahnung hatte, wie sich ein Generator anhörte, aber er hatte das von den Erwachsenen übernommen. Er versuchte, Kontakt mit Jan aufzunehmen, und hauchte in das Mikrophon: „Jaaaaan“. Aber er erhielt keine Antwort.

Nun kam er an die Kurve und als er dort entlangging, sah er plötzlich auf der rechten Seite drei riesige Gebäude. Große Quader, die auf flacheren, kleineren Quadern standen, so dass die großen Quader an jeder Seite über die kleinen hinausragten. Es sah aus wie eine auf den Kopf gedrehte rechteckige zweistöckige Hochzeitstorte. Dunkel ragten sie in den Himmel. Auf den Seitenflächen hatten sie etwas, das Fenster sein könnten. Große schwarze Vierecke, jeweils drei Reihen übereinander. Er zählte nicht, wie viele es nebeneinander waren. Kein einziges dieser Vierecke war beleuchtet. Vorne an den Quadern war jeweils ein Strahler angebracht, der die Querseite der Rechtecke unterhalb der großen Quader in kaltes weißes Licht tauchte. Hendrik verspürte eine Gänsehaut auf seinem Rücken, ihm fröstelte. Ihm fiel ein Science-Fiction ein, den er vor ein paar Tagen gelesen hatte. Sein Vater hatte eine große Sammlung Science-Fiction in einer Bücherkiste auf dem Speicher. Die Geschichten waren alle ziemlich alt, so aus den sechziger Jahren, sein Vater hatte sie wiederum von seinem Vater geerbt. Hendrik las gerne darin, manche legte er sie schnell beiseite, weil sie lächerlich waren. Wie hatte das Menschen begeistern können? Aber einige Geschichten konnte er nicht vergessen, zum Beispiel Donovan’s Gehirn. Die Hauptrolle spielte ein in Flüssigkeit aufbewahrtes Gehirn, das langsam die Macht über die Menschheit übernahm. Die zweite Geschichte, die er gerade gelesen hatte, spielte in einer Stadt, in der Merkwürdiges passierte. Der Leser wusste bald, dass Außerirdische versuchten, die Macht an sich zu reißen. Der Protagonist einem seltsamen technischen Brummen auf der Spur, das er in seiner Wohnung hörte. Eines Tages ging er in den Keller der Hochhaussiedlung, in der er wohnte. Der Hausmeister war ihm schon längere Zeit verdächtig vorgekommen, nun stand er im Keller mit dem Rücken zu ihm. Da teilten sich die Haare am Hinterkopf und ein Auge wurde sichtbar. Hendrik hatte diese Idee für sein letztes Faschingskostüm übernommen. In dem Keller entdeckte der Protagonist eine riesige, brummende Maschine. Aha, daher kam das technische Geräusch. Das ganze Gebäude wackelte und brummte, der Protagonist wusste – er musste aus dem Haus fliehen, sonst würde er vom Hausmeister – offenbar einem Alien – zusammen mit dem Gebäude entführt. Der Hausmeister stand neben der Maschine, schaute den Helden mit seinem dritten Auge an, lachte und ließ ihn laufen. Als der Protagonist in, wie es ihm schien, letzter Sekunde aus dem Gebäude stürzte, atmete er erleichtert auf, um im nächsten Moment zu entdecken, das weit Größeres im Gange war, als er geahnt hatte: Nicht das Gebäude löste sich aus dem Sockel, sondern der ganze Gebäudekomplex ratterte und zischte, eine durchsichtige Haube schloss sich über den Gebäuden und das Ganze setzte langsam mit Raketenantrieb zu einem Flug ins Nirgendwo an. Damit endete die Geschichte, die er gelesen hatte.