Hinter Hendrik (3/3)

Hendrik hatte oft versucht, sich vorzustellen, wie das wohl endete. Was würden die Außerirdischen mit den Menschen machen? Was würde aus dem Protagonisten? Jan hatte ihm einige ziemlich schreckliche Varianten erzählt. Hendriks Wunsch nach einem Helden, der dem Hausmeister den Garaus machen und die Gebäude wieder zur Erde bringen würde, wurde weder von Jan noch von seiner Phantasie erfüllt. Als er aber jetzt diesen Riesengebäudekomplex sah, wurde ihm mulmig. Und dieses Brummen! Würde er jetzt von Aliens gekidnappt und mit vielen anderen ins All gebracht? Sein Herz pochte, aber er ging weiter, so wie er das von Jan gelernt hatte: „Hendrik, gib niemals auf, geh immer weiter, das ist die Lösung.“

Hendrik schaute nicht mehr nach rechts, ging tapfer an den Gebäuden vorbei, die erst bedrohlich größer und dann, nicht weniger bedrohlich, kleiner wurden. An den Rückseiten gab es keine Strahler. Hinter Hendrik war ein Rascheln und Kichern zu hören, aber wenn er sich umdrehte, sah er nur die unbewegten Pflastersteine.

Er kam zu dem kleinen Kreisverkehr. Um links abbiegen zu können, musste er erst halb um den Kreis herum. Nach links bog eine breite Straße ab, deren Eingang mit riesigen runden Betonklötzen abgesperrt war. Etwa acht Stück standen wie Riesenkekse nebeneinander, umziert jeweils mit einem rotweißen Band. Ein schwarzweißes Hinweisschild gab kund, dass diese Straße nicht mehr für den Verkehr geöffnet war, mit Datum, ab wann diese Regelung galt. Für einen Fußgänger oder Radfahrer reichte der Platz zwischen den rotbraunen Pollern aus. Wieso wurde so eine breite Straße abgesperrt? „Jan“, flüsterte er und hielt das Smartphone dicht an den Mund, „Jan, was ist das für eine Straße?“ Jan gähnte. „Hendrik, nun geh schon weiter. Es ist zwar gefährlich, aber du wirst es schaffen.“ Dies fand Hendrik nicht sehr ermutigend. Er ging zwischen den Pollern hindurch, die ihm bis an die Taille reichten. Die dunkle Straße, die keine befestigten Ränder hatte, schien ins Endlose zu reichen. Auf der Karte war die Herberge ganz nah. Es war so unheimlich, diese Stimmen! Manchmal sah er auch Gestalten an der Böschung rechts vorbeihuschen, die auf ihn zeigten und mit hysterischen Stimmen etwas riefen, in einer Sprache, die er nicht verstand.

Endlich, endlich, auf der linken Seite war die Herberge so nah, dass er sie betreten und ein Erdbeer-Monster hinterlassen konnte. Die Stimmen um ihn herum wurden immer lauter, ihm schien die Erde zu beben. Hätte er doch bloß auf seine Eltern gehört und wäre zum Ortskern gegangen, da hatte er sich zwar schon in alle Herbergen gesetzt, aber gewisslich hätte er dort ein paar Monster fangen können. Vielleicht sollte er sich zu Hause melden, um einfach eine menschliche Stimme zu hören, denn Jan war heute so unnahbar? Er drückte den Shortcut für die Nummer seiner Mutter, aber das Telefon blockierte, er drückte auf die Zahlen, aber es wählte nicht. Er versuchte die Festnetznummer, das Handy seines Vaters – nichts. Er biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu weinen. Das wäre memmenhaft. Ihm war es mittlerweile nur noch unheimlich, er sehnte sich nach der warmen heimischen Küche, wo seine Mutter ihm eine Käsestulle zubereiten, ihm über den Kopf streichen und sagen würde: „Hendrik, lauf doch nicht immer so weit weg von zu Hause im Dunklen!“.

Die grauen Gestalten kamen immer weiter aus dem Dunkel hervor und zupften an seiner Regenjacke. Wenn er versuchte, die Geisterfinger wegzudrücken, hörte er hohles Gelächter. „Nur nicht laufen“, dachte er, „dann riechen sie meine Angst, so wie Hunde, und lassen mich nicht mehr los.“ Er kehrte um, zurück in Richtung des Kreisverkehrs, um den Heimweg anzutreten. Vor ihm lag die gepflasterte Straße, so wie er sie beim Hinweg bemerkt hatte, orange beleuchtet, Pflastersteine. Kein Mensch weit und breit, nur Kichern, Zupfen und andere weitaus unheimlichere Geräusche. Er erhöhte sein Schritttempo, schnell, aber nicht zu schnell, im Schein der Lampen, vorbei an den düsteren Gebäudeblocks. Vor ihm Orange. Er drehte sich nicht um. Hinter Hendrik war nur undurchdringliches Schwarz, das ihn bald einholen würde.