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In Ina

Lena saß an Inas Bett. Ina war geschwächt, die letzte Chemotherapie hatte ihr wieder zugesetzt. Krebs an sich ist für jeden Menschen schlimm, aber für ein Kind ist es so extrem ungerecht, weil es nichts von dem versteht, was mit ihm passiert. Warum muss es Dinge machen, die ihm weh tun, nachdem ihm übel wird? Lena versuchte, es Ina zu erklären, die sie unverständlich ansah, bevor sie wieder vor Schmerzen weinte. Lena hatte sich ein halbes Jahr Urlaub genommen, so lange würde es dauern, hatte die Ärztin gesagt, bis die Folgen des dritten Therapiezyklus abgeklungen und Ina wieder halbwegs bei Kräften sei. Davon, dass die Therapie erfolglos sein könnte, sprach niemand. Lena mochte es nicht einmal denken. Das Geld würde fehlen, aber das würden sie schon irgendwie hinbekommen. Hanno hatte sie unterstützt: „Schau, ich verdiene genug, wenn wir uns nur ein bisschen einschränken. Dann nimmst du das Auto, ich fahre mit einem Kollegen oder der Bahn zur Arbeit. Erstens kannst du dann Ina überallhin begleiten und vor allem können wir sie zu Hause behalten, sie muss nicht die ganze Zeit im Krankenhaus liegen.“

Lena war Hanno so dankbar, wieder einmal hatte sich gezeigt, was für ein gutes Herz er hatte und dass sie damals gegen den Willen ihrer Eltern die richtige Wahl getroffen hatte. Als sie ihn kennen lernte, war er ungelernter Hilfsarbeiter in einer Stahlfabrik, sie hatte gerade ihre Ausbildung als pharmazeutisch-technische Assistentin abgeschlossen. Obwohl er schon Mitte Zwanzig war, stand sein Entschluss fest, noch etwas Richtiges zu lernen. In seinem ehemals gelernten Beruf als Elektriker hatte er keine Anstellung gefunden, dann hatte er sich bei der Bundeswehr verpflichtet, um nicht arbeitslos zu werden. Schon als er Lena kennenlernte, hatte er sich für verschiedene Bürojobs beworben. Lena war so ein positiver Mensch, sie unterstützte ihn, sie redete ihm zu, baute ihn auf und drückte ihm die Daumen, und beim Vorstellungsgespräch bei der Bank vor Ort hatte das genutzt. Er hatte die Stelle bekommen und nach einer zweijährigen Ausbildungszeit konnte er SAP-Mitarbeiter werden. SAP war nicht nur in Banken beliebt! Gute Aussichten.

Nach erfolgreichem Abschluss hatte die Bank ihn übernommen. Es bot sich an, eine Schwangerschaft zu planen. Alles lief genauso, wie vorgesehen. Lena und Hanno entschieden sich, Ina im Alter von vierzehn Monaten in eine Krippe zu geben, damit Lena wieder halbtags arbeiten konnte. So war sie nicht völlig raus aus dem Beruf und konnte leicht aufholen, was an neuen Vorschriften und Computerprogrammen in der Zwischenzeit aktuell geworden war. Die Apotheke, in der sie in Mutterschutz gegangen war, florierte weiter, da sie parallel online tätig waren, und so wurde sie mit Kusshand wiederaufgenommen. Ina entwickelte sich prächtig, nachdem sie Schwierigkeiten mit dem rechten Ohr und demzufolge dem Gleichgewichtssinn nach einer kleinen Operation überwunden hatte. Alles lief wie im Bilderbuch, sie sparten jeden Monat etwas, weil sie in drei oder vier Jahren ein Reihenhäuschen kaufen wollten.