In Ina (2/3)

Bis dann Inas Krankheit dazwischen kam. Bei einer Routineuntersuchung stellte die Kinderärztin fest, dass etwas mit Inas Haltung nicht in Ordnung war. Sie überwies an einen Orthopäden, der vorzugsweise Kinder behandelte. Es ist für ein dreijähriges Kind nicht einfach, ein CT oder ein MRT und all die vielen Blutproben auszuhalten, aber Lena war immer an Inas Seite, um sie zu trösten oder abzulenken. Dann kam die niederschmetternde Diagnose: ein kleiner, vermutlich bösartiger Tumor am rechten Hüftgelenk. Nach der Gewebeprobe zwei Wochen zuvor hatte Ina zwei Nächte nicht geschlafen und nur geweint oder geschrien. Und jetzt musste sie operiert werden, und zwar bald – dann bestanden wirklich gute Heilungsaussichten. Fünfundachtzig Prozent dieser Operation waren erfolgreich, das heißt, nach fünf Jahren war der Tumor nicht zurückgekehrt. Es gab keine Statistik zu weiteren Jahren.

Tagelang diskutierten Hanno und Lena, ob sie ihrem kleinen Liebling diese OP zumuten wollten und konnten oder nicht. Schließlich entschieden sie sich dafür. Das Risiko einer Querschnittslähmung stand im Raum, aber jede OP hat Risiken, das wussten sie beide. Die OP verlief komplikationslos. Lena saß immer an Inas Bett, tupfte ihr die Stirn ab, fütterte sie, streichelte sie. Hanno kam, so oft er nur konnte, und wechselte Lena ab, damit diese einmal schlafen konnte. Dann kam die neue Hiobsbotschaft: Es waren Metastasen entdeckt worden. Bestrahlungen hatten eine schlechtere Prognose, also musste Chemotherapie her. Die Eltern stimmten zu. Wenn Inas dunkle Locken fielen, war das nicht schön, aber sie würden nachwachsen. Außerdem war sie doch so jung, dass sie die optische Veränderung nicht als Makel sehen würde. Allerdings erschrak die kleine Ina schon, als sie das erste Mal hohläugig, abgemagert und ohne Haare in den Spiegel schaute. Dieses Jahr wollte sie nicht an Halloween teilnehmen.

Mittlerweile war sie vier Jahre alt. Der Plan für ein zweites oder gar ein drittes Kind war gestrichen worden. Hanno und Lena wollten ganz für Ina da sein und auch keine jüngeren Geschwister dem Druck aussetzen, eventuell ein behindertes älteres Schwesterchen zu haben, das mit Sicherheit viele Jahre lang mehr Aufmerksamkeit benötigen würde. Den Hausplan hatten sie auf Eis gelegt, aber nicht völlig verworfen.

Hanno arbeitete wie ein Besessener. Mit nur einem Einkommen konnten sie nicht riskieren, dass er seinen Job verlieren würde. Und was nach dem halben Jahr würde, wusste niemand so genau.

Manchmal belastete die Krankheit die Beziehung. Das war ganz normal, hatte Lena in der Selbsthilfegruppe für Mütter krebskranker Kinder gelernt. Daher nahm sie sich Streitereien und Auseinandersetzungen nicht allzu sehr zu Herzen. Sie sah es demzufolge auch relativ locker, dass Hanno sich in den letzten Wochen verändert hatte. Er war härter geworden, düsterer. Das würde sich aber bestimmt bald geben, wenn Ina endlich sichtbar auf dem Weg der Besserung war und wieder lachen, ihre Grübchen zeigen und den Vater am Bart zupfen würde. Derzeit lag sie meist apathisch in ihrem kleinen Bett, ihre Kuscheltiere neben sich. Die Kuscheltiere, die sie kannte, hatten sie allmählich gegen neue ausgetauscht, die in der Maschine bei heißen Temperaturen gewaschen werden konnten, weil Chemotherapien die Immunabwehr herabsetzen. Anfangs war das noch ein Drama gewesen, aber mittlerweile klappte das super. Lena lächelte Ina an, und heute war so ein guter Tag, Ina lächelte zurück. Das war, als Hanno von der Arbeit kam, Lena hörte den Schlüssel im Schloss. Seine Schritte waren schwer, was sich in den letzten Wochen verstärkt hatte. Lena dreht den Kopf um, als Hanno das Kinderzimmer betrat. Er stellte sich neben das Bett und starrte seine Tochter an. Lena drückte liebevoll seine Hand und flüsterte: „Sie schläft jetzt wieder, aber sie hat mich vorhin angelächelt, das hat sie schon lange nicht mehr. Ich finde das ein positives Zeichen!“ Hanno starrte auf das Kind, dann zum Fenster raus. Er presste die Lippen zusammen.