In Ina (3/3)

„Was ist los, Hanno, Ärger auf der Arbeit?“ Sie hatten beide immer Sorge, dass sich das private Drama auf seine Arbeitsleistung auswirkte und er den Job verlöre. Andererseits hatten sie mit seinem Chef gesprochen, der selbst zwei kleine Töchter hatte, und vollstes Verständnis zeigte. Aber dennoch …

„Nein, auf der Arbeit ist alles okay.“ Hanno machte eine Pause. „Ich habe da mit einem Kollegen gesprochen, der kennt sich mit so Krankheiten aus.“

Da Hanno gelegentlich Phasen hatte, wo er auch den parawissenschaftlichen Richtungen zugetan war, war sich Lena nicht sicher, was sie davon halten sollte. Wieder Geld rauswerfen für Aprikosenkernsaft, der so bitter war, dass Ina nur schrie, wenn sie ihr einen Teelöffel einflößten? Spezialvitaminmischungen, für die ein Viertel des monatlichen Lebensmittelbudgets wegschmolz? Schröpfen, wickeln, baden in Spezialantikrebsschlamm, es gab fast nichts, was Hanno ausgelassen hatte. Solange es der kleinen Ina nicht offensichtlich schadete oder weh tat, ließ Lena ihren Hanno gewähren. Man weiß auch nie … Bisher hatte nichts geholfen.

„Lena, ich muss mit dir reden.“ Das war so ernst, dass Lena schon vermutete, dass Hanno die Familie verlassen würde, wie sie das so häufig in ihrer Selbsthilfegruppe gehört hatte. Zwar traute sie ihm das nicht so recht zu, aber wer weiß schon, was ein Mensch unter diesem unmenschlichen Druck tut?

Sie setzten sich in die Küche. Auf dem Tisch standen noch die Teller und Tassen vom Frühstück. Manchmal war Lena so mit Ina beschäftigt, dass sie einfach nicht zum Aufräumen kam. Sie erledigten es dann gemeinsam, wenn Hanno nach Hause kam. War das vielleicht zu viel für ihn, diese Unordnung? Sie setzte sich auf den Stuhl und überlegte schon, was sie sagen könnte, um ihn zu halten.

Hanno setzte sich hin. Seine Jackentasche war leicht ausgebeult. Er sah Lena an und sie sah, dass seine Augen blutunterlaufen waren. Er war fertig, das konnte ein Blinder erkennen.

Lena beugte sich vor, streichelte seine Hand auf dem Tisch und sagte: „Mein lieber Hanno, was bedrückt dich?“ Sie wollte stark sein, stark sein für sie beide.

Hanno schaute an ihr vorbei. „Ich habe dir doch von dem neuen Kollegen erzählt, Martin. Der kennt sich aus mit Krebskrankheiten, denn sein Bruder ist ein bekannter Krebsheiler.“ Lena seufzte innerlich. Das war doch garantiert wieder so ein Kokolores. Aber nur nichts anmerken lassen. Hanno fixierte seinen Blick auf das Foto von Ina, das an der Pinnwand zwischen all den Einkaufszetteln hing.

„Ich weiß jetzt, was mit Ina ist. Und wir müssen aufpassen, dass sie nicht unser ganzes Leben zerstört. Wobei es nicht Ina ist – sie ist unsere Tochter, ein Schatz, voller Fröhlichkeit und Harmonie.“ Lena wurde langsam unruhig, da ging etwa von Hanno aus, das sie nicht kannte. Sie ließ dennoch ihre Hand auf seiner liegen.

„In Ina wohnt ein Dämon!“

Lenas Welt drehte sich. Was kam als Nächstes?

„Diesen Dämon müssen wir bekämpfen, dann ist unser Kind frei!“

Mit diesen Worten griff er in seine Jackentasche, holte einen spitzen Holzkeil heraus und legte ihn auf die Tischplatte. „Lena, wer macht es, du oder ich?“