Je Julia (1/3)

Je Julia

„Das macht dann je Julia wie viele Bonbons?“ Julia verdrehte die Augen, zumindest innerlich. Manno, sie waren doch keine Kinder mehr. Und seit der ersten Klasse hatten sich noch alle Lehrer darüber amüsiert, dass es insgesamt sage und schreibe drei Julias in der Klasse gab. Immer wieder Anlass für Späße (gähn) oder kleine Rechenaufgaben. Natürlich waren sie über die Division durch drei weit hinausgekommen, aber wann immer es etwas zu verteilen gab, wurde dieser Scherz wieder aufgewärmt.

Es stimmte, es gibt Schlimmeres. Statt einer doofen Nummerierung mit Julia 1, Julia 2 und Julia 3 reichte es doch vollkommen, wenn die Lehrerin beim Sprechen den Kopf zu der Julia drehte, die gemeint war. Sie saßen doch nicht nebeneinander.

In der dritten Klasse hatte sie beide Julias zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen, aber irgendwie war das kein Erfolg geworden. Die eine konnte es nicht verkraften, dass sie nicht alle Spiele gewann, vielmehr überall verloren hatte. Sie zog einen Flunsch und heulte sogar einmal. Die andere pickte im Essen rum, das Julias Mutter mit so viel Liebe vorbereitet hatte. Wie konnte man diese köstliche Cremetorte mit den vielen Kerzen und den Verzierungen aus Smarties nicht toll finden? Julia war ausgesprochen stolz auf die Koch- und vor allem Backkünste ihrer Mutter, die sich für die Verzierungen viel Zeit nahm. Und da fand sie das voll gemein, wie diese blöde Julia-Kuh nur in dem winzigen Stück Kuchen herumstocherte. Sie hatte gleich gesagt: „Bitte für mich nur ein kleines Stück, ich achte auf meine Linie!“ Dabei sah sie sich erfolgsheischend in der Runde um. Julia war zu höflich, ihre Namensvetterin unter dem Tisch zu treten, und zwar kräftig, weil sie wusste, dass ihre Eltern dann traurig wären.

Nee, also so eine Art Julia-Bande, die viel Schabernack in der Schule und in der Nachbarschaft treiben würde, konnte sie sich nicht vorstellen.

Bei der Wahl der weiterführenden Schule hatte Julia gehofft, die beiden anderen loszuwerden, aber das hatte ihr das Schicksal nicht gegönnt. Eigentlich konnte sie froh sein, dass nicht aus einer anderen Grundschule noch eine weitere Julia hinzugekommen war.

Julia war fest entschlossen, bei der Namenswahl ihrer Kinder mehr Sorgfalt walten zu lassen. Es gab doch diese Listen mit beliebten Namen, und sie würde darauf achten, dass der von ihr gewählte Name nicht in den Listen der letzten drei Jahre auftauchte. Manchmal schrieb sie Listen mit möglichen Namen auf Schmierpapier oder auf die Rückseite ihrer Hefte, gebrauchte Umschläge und so weiter. Ihr Vater hatte sie damals gefragt, warum sie das machte, aber sie war ausgewichen. Eltern müssen nicht alles wissen.

Die Deutschstunde war einmal wieder so langweilig, dass sie emsig eine neue Namensliste verfasste. Sie hatte die Kandidaten so weit heruntergestrichen, dass für Jungen und Mädchen jeweils nur noch zehn Alternativen vorlagen. Das war doch schon einmal ein guter Ausgangspunkt! Wenn sie drei Alternativen hätte, würde sie ihrem Mann auch noch das Gefühl vermitteln, dass er etwas zu sagen hätte.