Je Julia (2/3)

Sie sah sich in der Klasse um. Da war niemand, den sie für würdig hielt, der Vater ihrer Kinder zu werden. Die kuchenverschmähende Julia war immer noch superschlank, klapperte mit ihren Augenlidern und hielt sich für das Zentrum der Aufmerksamkeit aller Jungs. Pah, dachte Julia, soll sie doch. Von mir aus kann sie auch den blonden Max oder den lustigen Ahmed haben. Das waren bei den Mädchen die beliebtesten Jungs in ihrer Klasse. Sie waren auch wirklich superlustig, immer zu einem prima Streich aufgelegt. Ahmed hatte als Erster ein Smartphone gehabt, um das er von den meisten beneidet wurde. Nein, selbst die tollsten Jungs in der Klasse interessierten sie nicht.

Julia überlegte, eine neue Liste anzulegen, auf die sie alle Eigenschaften schrieb, die sie von ihrem zukünftigen Ehegatten erwartete. Die würde sie den Kandidaten vorlegen, und wer die meisten Kreuzchen an der richtigen Stelle machte, wäre quasi der Gewinner. Eine Übereinstimmung von fünfundneunzig Prozent müsste es schon sein, entschied sie. Das war fast wie Online-Dating, für das im Fernsehen Werbung gemacht wurde. Sie legte die Namen zur Seite und riss leise und vorsichtig ein Blatt aus dem Heft. Eine Überschrift gab sie ihrer Liste nicht, sonst kämen wieder lästige Fragen. Sie kaute auf dem Stift, während sie mit einem halben Ohr dem Unterricht lauschte. Das empfahl sich, wenn sie nicht eines Tages auffallen wollte. Und wie gut das war, denn der junge Referendar stellte ihr plötzlich und unerwartet eine Frage. Sie lächelte, ach, das wusste sie … Der Referendar hatte sie richtig auf dem Kieker, das hatte sie schon gemerkt. Er verdächtigte sie seit dem ersten Tag seiner Anwesenheit, dass sie nicht ganz bei der Sache war. Kontrollfreak, der! Aber erwischt hatte er sie nie. Damit hatte sie auch schon den ersten Punkt für ihre Liste:

„Soll mir keine Vorschriften machen“. Es folgte „Soll mich toll finden“, „Gutes Aussehen“, „Lustig“, „Spielt gern das Harry-Potter-AR-Spiel“, „Findet meine Mutter total nett und meinen Vater auch“, „Zieht mich nicht an den Haaren“ und was ihr alles so einfiel. Nein, in dieser Stunde würde sie mit der Liste nicht fertig.

Es dauerte drei Wochen und bedeckte zehn Seiten in kleiner Schrift, bis die Liste vollständig war. Am Sonntag, als ihre Eltern bei einer völlig langweiligen Tante eingeladen waren, durfte Julia allein zu Hause bleiben. Ihre Eltern vertrauten ihr, außerdem konnte sie auf dem Handy anrufen, wenn irgendetwas nicht stimmte. Es war ein wunderbarer Nachmittag, sie war gern allein. Sie machte sich eine Tasse Trinkschokolade (kalt, das war einfacher), holte sich die Kekse aus der Küche, die ihre Mutter für sie zurechtgelegt hatte. Damit setzte sie sich an ihren Schreibtisch. Sie schaltete den Laptop ein, um über YouTube ihre Lieblingsmusik zu hören. Sie summte mit, während sie mit einem Rotstift sorgfältig ihre Liste überarbeitete. Sie machte an jeden Punkt, auf den sie nicht verzichten konnte, ein rotes Kreuzchen. Eigenschaften, die ihr beim zweiten Lesen doch nicht so wichtig vorkamen, strich sie mit einem schwarzen Stift durch.