Konrad (1/3)

Kraft Konrad

Seine Geschwister hatten alle normale Namen: Elisabeth, Christoph und Helena. Das waren nicht unbedingt die allermodernsten Namen, aber tragbar. Nur er stand mit dem Konrad außen vor. Was sich seine Eltern dabei gedacht hatten? Ob sie auf die ursprüngliche Bedeutung anspielen wollten, „Der kühne Ratgeber?“.

Wie ein kühner Ratgeber verhielt er sich nicht. Konrad war stets zu Experimenten aufgelegt. Einmal hatte er die Fliesen reparieren wollen und einen eigens von ihm dafür ersonnenen Kleister verwendet. Seine Eltern nahmen es wie meist mit Humor, wenn seine Experimente etwas eigenwillig waren. Die ganze Familie kratzte an dem Kleister herum, bis das Bad wieder normal begehbar war. Der Nachbarin hatte der Vater einmal erklärt: „Das Jugendgefängnis ist nicht weit von hier, da haben wir uns vor dem Umzug gesagt, prima, dann ist es nicht so weit, wenn Konrad einmal dort untergebracht werden sollte.“

Konrad war bis zur Pubertät ein bisschen pummelig, hatte einen rosigen Teint und blonde Locken. Das machte ihn für einige Erwachsene quasi engelgleich, was Konrad wiederum auszunutzen wusste. Man traute ihm nicht wirklich etwas Böses zu.

Bei einer für heutige Verhältnisse großen Familie mussten alle mit anpacken. Sein Vater, Chirurg, scheute sich nicht, wenn das neue Winterholz für den Kamin geliefert wurde, mitzuhelfen, die mannshohe Ladung in einem Wandregal außen am Schuppen zu verstauen. Dasselbe erwartete er auch von seinen Kindern. Manchen Nachmittag verbrachten sein älterer Bruder Christoph und er damit, Feuerholz zu stapeln, auch die Mutter, eine kleine drahtige Ex-Krankenschwester packte mit an und gab ihnen kurze Anweisungen. Gelegentlich unterhielten die Jungs sich bei diesen Arbeiten, ansonsten hörte Christoph gern Musik auf seinem MP3-Player, während Konrad seinen Gedanken nachging. Dabei fielen ihm häufig neue Experimente ein, die er unbedingt demnächst machen müsste.

Für alle Arbeiten im und um das Haus gab es Dienst. Die Nachbarin schätzte Konrads Humor, und als sie eines Tages am Nachbarhaus vorbeiging, war er damit beschäftigt, den Bürgersteig zu fegen. Sie lächelte ihn an „Ach, das ist doch Kinderarbeit, die ist doch verboten!“ Er verzog das Gesicht in künstlicher Überraschung und entgegnete „Da haben Sie Recht, da werde ich mich wohl einmal bei amtlicher Stelle beschweren müssen.“ Schneeschippen gehörte ebenfalls zu seinen Pflichten. Die kleine Elisabeth war davon befreit. Kaum konnte sie laufen, wollte sie gerne mitmachen, wie alle anderen sein. Also bastelte Konrad aus alten Plastik- und Metallresten eine winzige Schneeschippe für sie. Stolz schwang Elisabeth ihre Schneeschaufel und türmte mehr auf den Weg, als sie wegräumte. Sie war Konrad für seine Basteleien immer sehr dankbar.

Wie alle Kinder der Familie musste er ein Instrument lernen. Er hatte sich für Saxophon entschieden. Er benahm sich immer so, als seien ihm Üben und die Stunden lästig. Aber im Grunde fand er es cool (im Gegensatz zu den Nachbarn zur Rechten und zur Linken, die vor allem seine anfänglichen Bemühungen bei geöffnetem Fenster wegen der sommerlichen Temperaturen nicht so ganz überzeugend fanden).