Konrad (2/3)

Obwohl seine Heimatstadt keinen reißenden Fluss hatte, ruderte er mit Begeisterung. Daher erlaubten ihm die Eltern den Beitritt in einen Ruderclub, solange die Schulleistungen nicht darunter litten. Drei Jahre ruderte er dort und in dieser Zeit half er dem Club mit dabei, eine Regionalklasse aufzusteigen. Dann verlor er das Interesse am Rudersport, die schulische Begegnung mit der Chemie und die Lust auf chemische Experimente hatten ihn gepackt. Trotz aller vom Vater auferlegten Vorsichtsmaßnahmen schaffte er es fast, sich, seine Familie und das Haus in die Luft zu sprengen. Aber irgendwie war dann außer einem größeren Loch im Teppich alles Heile geblieben, eher ein Wunder, wie jeder Chemiekundige bleich erläuterte.

Frau Brockenroth, die Sekretärin des Ruderclubs, hielt immer noch Kontakt zu ihm. Sie hatte seine frech-nette Art, seine blonden Locken, sein Cherubin-ähnliches Erscheinungsbild einfach ins Herz geschlossen. Sie versuchte auch immer, ihn davon zu überzeugen, dass er wieder mit dem Rudern anfinge. „Der Club würde sofort in die nächste Liga aufsteigen!“.

Konrad, der wie jeder junge Mann Schmeicheleien gegenüber nicht immun war, wurde wieder aktiv. Er war nun Steuermann und fast jeder Samstag war gefüllt mit seinem sportlichen Hobby. Gelegentlich tauschte er kurze Emails mit Frau Brockenroth, die vor zwei Jahren in Rente gegangen war. Sie lächelte selbst über ihre kleine Schwäche für Konrad und wünschte sich so manches Mal, sie wäre einige Jahrzehnte jünger. Dieses spitzbübische Lächeln, da wäre sie sofort weich geworden. Wenn Konrad etwas von ihr gewollt hatte, hatte er sie damit immer herumbekommen.

Wie Frau Brockenroth es nicht anders erwartet hatte, nahm der Ruderclub den Aufstieg in die nächste Liga mit Bravour. Sie wusste genau, auf wen das zurückzuführen war. Beim Jahresabschlussfest war auch sie eingeladen. Ihren Engel wiederzusehen … seit sie in Pension war, hatte sich das Bild von Konrad bei ihr leicht verdichtet. Seine blonden sanften Locken waren in ihrer Vorstellung hellblond und kräftig gedreht, er glich mehr einem Cherub als einem Menschen. Sie wusste aber selbst, dass Bilder von Menschen sich ändern und rief sich den echten Konrad in Erinnerung. Jetzt war er schon ein junger Mann, sicher mit guter Figur vom vielen Rudern, den schönen Locken, seinem sanften Blick aus blauen Augen. Die Mädchen würden ihm reihenweise zu Füßen liegen. Sie schloss die Augen, träumen darf man auch als Rentnerin, solange man nicht erwartet, dass Tagträume wahr werden. Fünf Tage vor der Feier rief der Vorsitzende an. „Wir haben diese Saison nur mit Konrads Kraft so wunderbar gemeistert, Frau Brockenroth, Sie kennen ihn doch noch von früher. Möchten Sie ihm mit einer kleinen Ansprache den Pokal als Ruderer des Jahres in unserem Verein überreichen?“