Konrad (3/3)

Natürlich mochte sie. Sie bereitete eine meisterliche Rede vor, gespickt mit spitzbübischen kleinen Anmerkungen und Anspielungen an seine Streiche, vor denen er auch im Ruderclub nicht halt gemacht hatte, voller Hochachtung für ihren Konrad. Statt „nur mit Konrads Kraft“ hatte sie sich die schöne Formulierung „kraft Konrad“ überlegt. Er war so ein kluger junger Mann, er würde die Schönheit ihrer Formulierungen erkennen. Seine aus Bescheidenheit gesenkten langen blonden Wimpern über seinen blauen Augen würden sich voller Bewunderung heben, wenn sie diese Worte benutzte. Sie putzte sich fein heraus für diesen Tag, ging extra zum Friseur und ließ sich einen flotten Kurzhaarschnitt aus ihrer Pagenfrisur schneiden. Sie blieb auf dem Teppich natürlich, aber die Gedanken sind frei, und solange man mit beiden Füßen auf dem Boden steht, kann nichts passieren.

So stand sie an dem kleinen Rednerpult in der Aula des städtischen Gymnasiums. Sie war ein bisschen aufgeregt, ihre Wangen waren rosig. Es war so abgemacht, dass sie ein Zeichen geben sollte, wann Konrad zu ihr kommt. So war es mit dem Vorsitzenden vereinbart. Das Glas mit Wasser von links nach rechts schieben, das wurde bei den Feiern immer so vereinbart. Zum Proben war keine Zeit mehr gewesen, es war auch wirklich einfach genug. Sie hatte sich die Passage „kraft Konrad“ zum Höhepunkt gesetzt, dann wollte sie das Zeichen geben. Ihr Blick glitt über die Menge, sie hatte Konrad noch nicht gesehen. Rechts saß eine Traube junger Menschen, diese üblichen etwas ungepflegten, groben Gestalten, die ordinären jungen Mädchen. Sie rückte die Brille zurecht. Ihre Stimme bebte leicht, als sie fortfuhr: „Und ich kenne Konrad schon viele Jahre und freue mich, dass ich ihm heute diese Ehrung überreichen darf. Der Verein weiß“ (und dabei schob sie das Glas von links nach rechts), „dass nur kraft Konrads“, und jetzt guckte sie erwartungsvoll hoch über ihren Brillenrand, weil sie ihn sehen wollte, bevor sie weitersprach.

Sie rückte ihre Brille mit einem Ruck ein Stück höher auf der Nase, näher an die Augen, weil sie nicht glauben wollte, was sie sah. Sie hörte auf zu sprechen und schaute nur auf diese hagere Gestalt, die in diesen schrecklichen Sportklamotten auf die Bühne zugeschlurft kam. Seine Augen schienen ihr keinen Glanz zu haben, seine Gesichtsfarbe war nicht rosig. Am schlimmsten aber war, dass sie ihn kaum erkannt hatte: Er hatte die Haare komplett abrasiert, die goldenen Locken der Ewigkeit übergeben, sein Kopf sah aus wie ein ballrunder Totenschädel. Konrad schaute sie erwartungsvoll an, die Zuschauer ebenso. Es war still, sie sagte kein Wort. Sie räusperte sich. Er stand ihr gegenüber und sah sie an, mit einem kühlen Blick. Darin war keine Besonderheit.

Nein, das wollte sie nicht ertragen. Sie nahm das Glas Wasser und schüttete es ihm ins Gesicht, sie schlug ihm das Manuskript über den kahlen Kopf, den er versuchte, mit den Händen zu schützen. Es gab kein Halten mehr für sie, sechs Mann mussten sie festhalten und fast raustragen. Sie schrie und weinte, bis der Notarzt kam und ihr eine Beruhigungsspritze gab. Der Vorsitzende wagte es nicht, seine Frau anzuschauen. Sie hatte gleich gesagt: „Diese Frau Brockenroth, mit der ist irgendetwas nicht in Ordnung, das kann alles recht peinlich werden!“ Aber er hatte es besser zu wissen gemeint. Nun hatte er das Theater. Frau Brockenroth wurde auf eine Liege gelegt und mit einer Thermodecke zugedeckt. Und von der Liege aus, schon halb eingeschlafen, sah sie das Schlimmste: Die falsche Kopie von ihrem Konrad trocknete sich die Haare mit einem Tuch ab, neben ihm stand so eine Schlampe mit rückenlangen blonden Kraushaaren in einem kurzen Rock und einer Lederjacke, die ihn tröstend umarmte. Sie lehnte sich zurück. Das würde ein Nachspiel haben!