Laut Lea (1/4)

Laut Lea

Prolog

Wenn ich meine normale Runde zu Pokémon-Arenen gehe, komme ich an einer Einbahn-Straße entlang, die gesäumt ist von Reihenhäusern auf der einen und Doppelhäusern auf der anderen Seite. Sie macht eine Biegung und in der Biegung und noch ein Stück weiter sind parallel zur Straße hintereinander Parkbuchten angelegt. Als ich gestern vorbeikam, stand ein grauer Kombi mit hochgeklappter Heckklappe dort, ein Mann so Mitte Dreißig packte Verschiedenes ins Heck. Aus dem offenen Wagen war die Stimme eines kleinen Mädchens zu hören, sie schluchzte wie eine Heulboje. Der Vater sagte etwas zu ihr, sie heulte, er sagte noch etwas, da jammerte sie laut: „Jetzt lass mich mal ausreden!“

Ich habe laut (nicht zu laut) gelacht, es war so herrlich, wie ein kleines Kind (weit unter Grundschulalter, das war an der Stimme zu erkennen) einen solch gediegenen Satz von sich gibt. Wahrscheinlich hört sie ihn des Öfteren von ihren Eltern, wenn sie diese ständig mit ihrem Bojen-Gejammer unterbricht.

Laut Lea

Nele saß am Esstisch, sie ließ die Beine den Stuhl hinunter baumeln. Ihr Bruder Nick saß ihr gegenüber und kippelte mit dem Stuhl. Ihre Mutter sah Nick vorwurfsvoll an: „Würdest du bitte damit aufhören? Du weißt doch, dass uns das alle nervös macht.“ Nele guckte unschuldig von ihrer Mutter zu Nick und zu ihrem Vater. Ihr Vater schaute von der Zeitung hoch, strich sich den Kaffeeschaum von der Oberlippe und stimmte seiner Frau nickend zu. „Das geht wirklich so nicht, Nick. Stell dir vor, du arbeitest wie ich später in einer Anwaltskanzlei und wibbelst dauernd mit dem Stuhl. Da wirst du deinen Job nicht lange haben. Bezüglich deines Benehmens musst du an dir arbeiten.“

„Bezüglich“ war so ein Wort, das ihr Vater häufiger gebrauchte als andere Menschen. Als sie ihre Mutter danach gefragt hatte, hatte diese gelacht, ihr über den Kopf gestrichen und geantwortet: „Das macht der Beruf, das färbt ab. Wir können schon froh sein, dass Papa nicht ständig so gestelzt redet.“ Und dann hatten sie zusammen gelacht.

Was Nele auch sehr beeindruckt hatte, war das Wort „laut“. Sie kannte es sonst nur in dem Zusammenhang, dass sie zu laut war. „Sei doch nicht so laut, Nele, den Nachbarn fallen sonst die Ohren ab!“, hörte sie oft genug. Aber nein, das andere laut war so ein schickes Wort. „Laut Frau Köttensieper“, so sagte einmal ihre Mutter über ihre Nachbarin, „muss man Kakteen im Winter kalt und trocken stellen, das ist für sie am besten.“ Auf der großen Wohnzimmerfensterbank stand eine Sammlung exotischster Kakteen. Nele hatte in keiner anderen Wohnung so viele stachelige Pflanzen gesehen wie bei sich zu Hause.

Als ihre Mutter dann eines Abends wieder rummeckerte, weil sie ihre Spielkiste noch nicht ordentlich eingeräumt hatte, erprobe sie es zum ersten Mal. „Laut Lea ist es nicht gut für den Schlaf, wenn man noch so viel aufräumt.“ Ihre Mutter schaute erstaunt hoch. Das Wort laut war ihr gar nicht aufgefallen, nur von Lea hatte sie noch nie gehört. „Wer ist denn Lea?“ Nele war ein Kind mit Phantasie und antwortete prompt „Lea ist eine Aushilfslehrerin und meine Freundin.“ Da wollte die Mutter nicht widersprechen, schmunzelte und ließ es für diesen Abend gut sein. Man soll den besten Freundinnen seiner Töchter nicht widersprechen, wenn man in der Gunst der Töchter bleiben möchte.

„Laut Lea“ wurde eine Lieblingsformulierung von Nele. „Laut Lea sind Kakteen die besten Zimmerpflanzen überhaupt.“ Alle nickten nur. Sie merkte schnell, dass sie es nicht übertreiben durfte. Sie war ein helles Köpfchen, Nick ordentlich nerven war okay, aber die Eltern nicht.