Laut Lea (2/4)

Der Übergang war fließend. Abends im Bett nach der Gute-Nacht-Geschichte von Papa und dem Gute-Nacht-Kuss von Mama wartete sie, bis sie allein war, keine Schritte oder Stimmen mehr zu hören waren. Dann unterhielt sie sich mit Lea. Lea gab ihr bereitwillig Auskunft bei allen Problemen ihres jungen Lebens. „Lea, ich kann mir noch immer nicht die Schuhe allein binden und bin schon in der zweiten Klasse, was soll ich tun?“ Lea erklärte ihr Schritt für Schritt, wie es geht. Wichtig war, dass man zuerst die Bänder über Kreuz legt. Als ihre Mutter sich ein paar Tage später darüber mokierte, wie ihre Tochter ihre Schuhe verschnürte, meinte Nele nur: „Laut Lea ist das die optimalste Methode, um die Schnürsenkel festzumachen.“ Ihre Mutter seufzte, Nele war noch zu klein, um sich einen Vortrag darüber anzuhören, dass optimal bereits optimal und nicht steigerbar ist. So ging die Lea eher unter. So war das häufig bei Gelegenheiten, wenn laut Lea dies oder jenes falsch oder richtig war, immer gab es andere Dinge, die der Familie auffielen. Lea war bald eine Konstante. Ihre Mutter freute sich, dass ihre kleine Nele offenbar Freundschaft mit einer jungen Lehrerin geschlossen hatte. Ein bisschen schoss sie mit ihrer Lea-Verehrung über das Ziel hinaus, aber das würde sich schon wieder einrenken.

Wie Lea Neles Leben stärker und stärker beherrschte, sahen die Eltern nicht. Wie sie erwartet hatten, wurde das „laut Lea“ seltener. Sie hörten nicht, wenn Nele nachts unter der Bettdecke ihrer Puppe den Hintern versohlte und ihr erklärte, dass dies laut Lea leider nötig sei, weil sie sich nicht gut benommen hatte. Der Übergang von der fröhlichen Nele zu einem eher stillen, nahezu verstockten kleinen Mädchen war fast unmerklich. Abends saßen die Eltern zusammen und sprachen über die Veränderung. „Was war denn der Auslöser?“ „Ich weiß es nicht, hier ist doch gar nichts Besonderes passiert. Auch in der Schule, ich habe die Lehrerin gefragt, war nichts.“ Noch machten sie sich keine Sorgen, diese Wesensveränderung würde sich bestimmt genauso geben wie das „Laut Lea“-Gehabe.

Unmerklich wurde ihnen ihre Tochter immer fremder. Wenn ihre Mutter sie abends in den Arm nahm und ihr einen Gute-Nacht-Kuss aufs Haar drücken wollte, wurde Nele starr und zog sich zurück. Als das zum ersten Mal passierte, weinte ihre Mutter sich nachts in den Schlaf. Was war denn los? Wenn ein Elternteil ihr etwas sagte, legte Nele den Kopf schräg, so als wenn sie einer Stimme zuhörte, um dann meist mit einem „Nein, das mache ich nicht“ zu antworten. An diesem Punkt angekommen, konnte sie keiner mehr umstimmen, weder durch gutes Zureden noch durch Schelte oder Strafmaßnahmen.

Das Leben mit Nele wurde bedrückend. Der fünf Jahre ältere Nick war komplett genervt von dem Getue um seine Schwester. Er war ein bisschen altklug und als Nele mit ihrer Antihaltung wieder einmal dabei war, die Stimmung beim Sonntagskaffee zu verderben, rief er ihr über den Tisch zu „Du bist doch nur eine Soziopathin!“ Nicht etwa, dass er genau wusste, was ein Soziopath ist, aber es klang unangenehm und widerlich. Nele sah ihn mit ihren großen dunklen Augen an, legte den Kopf schräg. Sie dreht sich zu ihrer Mutter: „Laut Lea sollten wir den Wellensittich zum Tierarzt bringen und ihm den Hals umdrehen lassen.“ Es war totenstill im Zimmer, selbst der Wellensittich krakelte nicht. Dann lächelte Nele, es war ein kaltes Lächeln ohne Herz, sie drehte sich zu ihrem Bruder und sagte: „So etwas würde eine Soziopathin sagen.“ Was stumm blieb, war die Einleitung „Laut Lea, sage ich dir: So etwas …“.