Laut Lea (3/4)

Nick sprang auf, tippte sich an die Stirn, „Das ist doch nicht mehr normal!“, und stürmte aus dem Zimmer. Die Mutter rief hinterher: „Nick, nicht doch, du musst verstehen …“ Aber Nick wollte Nele nicht mehr verstehen. Die Mutter umarmte Nele, aber diese wurde wieder stocksteif und versuchte wegzurücken.

An diesem Punkt hätten die Eltern sich Hilfe von außen holen sollen. Aber irgendwie glaubten sie immer noch, das würde sich auswachsen, das würden sie schon hinbekommen, es sei nicht so schlimm. Wann immer in der Nachbarschaft etwas Ungewöhnliches passierte, gab Nick sofort seiner Schwester die Schuld. „Sie hat die Katze von Frau Köttensieper die ganze letzte Woche schon so schief angeguckt, und heut liegt die arme Katze mit verdrehtem Hals vor Frau Köttensiepers Haustür. Na, da sehe ich aber einen Zusammenhang!“ Ihre Mutter konnte sich das nicht vorstellen. „Ach, Nick, warum musst du immer nur das Schlechte in Nele sehen?“ Er sagte nichts, stürmte aus dem Haus und lief zu seinen Freunden, um Fußball zu spielen. Die Mutter klagte bei ihrem Mann, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen könne, dass Nele so etwas Furchtbares tun würde, okay, sie ist ein bisschen still, manchmal schaut sie finster, „aber unser Kind ist doch nicht grausam!“ Ihr Mann stimmte ihr nickend zu, auch wenn er manchmal dachte, Nick hätte vielleicht gar nicht so Unrecht.

Neles Schulleistungen waren stabil und gut. Sie war mit Ernsthaftigkeit bei der Sache. Bei ihren Mitschülern war sie nicht mehr beliebt. Sie wurde gemieden, ihr machte das anscheinend nichts aus. Als die Klassenlehrerin beim Elternsprechtag mit den Eltern das Gespräch darüber suchte, blockte Neles Mutter das ab. „Das ist nur eine schwierige Phase, das geht bald vorbei.“

Katzen und Hunde verschwanden. Einmal, Nele war so etwa siebzehn, verschwand ein kleiner Junge mehrere Tage. Als man ihn drei Tage später im Wald wiederfand, konnte er nichts darüber sagen, wer ihn dort hingebracht hatte. Er murmelte etwas von einer Lea, und dass er ständig gefroren habe und geschlagen worden sei. Wer das war? Er wusste es nicht, es war dunkel gewesen. Auch sonst machte er einen verstörten Eindruck. Neles Mutter tröstete die Eltern von Kevin: „Unsere Nele hatte auch mal so eine Zeit, ist schon einige Jahre her, wo eine Lea für alles herhalten musste. Das wird sich bei ihrem Kevin sicher auch auswachsen“, dabei lächelte sie Kevins Mutter freundlich an. Kevins Mutter dachte: „Um Himmels willen, wenn eine Lea-Phase aus einem netten kleinen Mädchen so eine unsympathische Gestalt machen kann … nein, danke!“

Nele sprach abends immer noch mit ihrer Puppe im Bett. Nick, der nur noch selten nach Hause kam, versuchte mit seinen Eltern darüber zu sprechen, dass es für eine Achtzehnjährige keineswegs normal ist, Puppen zu haben. Aber seine Mutter beschwichtigte ihn: „Jedes Kind hat das Recht auf seine eigene Zeit, um groß zu werden!“ Nele zog sich immer zurück, wenn Nick nach Hause kam. Wenn sie ihm begegnete, starrte sie ihn aus ihren großen dunklen Augen an, ohne seinem Blick auszuweichen. Er fand das unheimlich, obwohl er schon erwachsen war. Er hatte ursprünglich geplant, übers Wochenende zu bleiben, denn er hing an seinen Eltern. Aber diese Blindheit seiner Schwester gegenüber konnte er nicht ertragen. Wie sie ihre Eltern auf ihre dunkle Weise herumkommandierte, machte ihn zornig und traurig zugleich.