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Mit Martin

Martin ist ein guter Name für einen älteren Freund. Mit Dreizehn muss man einen Freund haben, und wenn sich keiner der Jungs, die man kennt, für einen interessiert, backt man sich seinen Martin eben selbst. Mit Martin ist die ganze Welt für eine Dreizehnjährige rund und perfekt.

Sie begann, sich Martin auszumalen. Er war Ende Dreißig, wie aufregend! Er sah gefährlich aus, so ein Hauch Gefährlichkeit ist ungeheuer sexy. Das weiß man aus dem Internet und den entsprechenden Zeitungen. Martin klingt zwar nicht gefährlich, aber das ist ein Vorurteil. Sie hatte eine genaue Vorstellung, wie Martin aussah – blendend natürlich. Er war Professor für Architektur, mittelgroß, schlank, er besaß eine klassische gerade Nase, perfekte Zähne, graue Schläfen. Kein Bart, das kitzelt! Sie kicherte, das hatte sie in einem Roman aus dem Supermarkt gelesen. Sie las eine Menge.

Nachmittags traf sie sich dann und wann mit Martin. „Darf ich mit Martin ein Eis essen gehen?“, fragte sie ihre Mutter. „Wer ist Martin?“ „Ach, ein Freund …“. „Okay, aber sei bitte um vier Uhr wieder hier!“

Sie war pünktlich zurück. Es war so aufregend gewesen. Sie lief sofort zu ihrem Tagebuch. Darin hielt sie jede Begegnung mit Martin akribisch fest. Nein, sie war nicht verrückt, sie wusste genau, dass es keinen Martin gab und dass er eine Erfindung für sie war, der ihr den grauen Alltag etwas spannender gestaltete. Aber das funktionierte nur, wenn sie Tagebuch dazu führte.

Sie wusste auch, dass ihre Eltern ihr Tagebuch niemals lesen würden, deshalb konnte sie ihm ihre wildesten Fantasien anvertrauen. Gut, dass das niemand liest, kicherte sie, derjenige würde mich echt für eine verruchte Nummer halten. „Verrucht“ kannte sie aus den alten Georgette-Heyer-Romanen, die sie bei ihrer Großmutter gelesen hatte. Ach, das waren Männer nach ihrem Geschmack. Erst hassten sich die beiden gutaussehenden Protagonisten, aber dann verfiel der – meist um Jahre ältere, attraktive – männliche Part der jüngeren wunderhübschen Frau mit dem glockenhellen Lachen. Sie hatte dieses Lachen ausprobiert, hmmm, das passte aber überhaupt nicht zu ihr. Sie las auch andere Dinge. Und sie schrieb über sich und Martin. Sie hatte eine sehr ausufernde Fantasie, die Pubertät ließ die Hand über die Seiten fliegen.

Martin, der gut aussehende Mann, hatte ihr die Liebe beigebracht. Er hatte sie ausgezogen, dann hatten sie sich im Wald geliebt, auch in einer Umkleidekabine im Kaufhaus. Sie ließ keine Einzelheit aus, fand sie. Dann aber war ihr das zu romantisch. Sie begann ein neues Tagebuch. Martin sah immer noch atemberaubend gut aus, aber deutlich grober, nicht so rücksichtsvoll. Er vergewaltigte sie halb im Wald (für diese Szene musste sie sich erst ein wenig im Internet einlesen). Dann machte er sie gefügig, schenkte ihr alle möglichen Dinge, aber es war immer jede Menge Sex dabei.

Das Leben mit Martin war sooo aufregend, vor allem weil sie manchmal mit ihm Eis essen ging. Dieses Verbinden ihrer reinen Fantasie mit kleinen Tageslügen machte alles so enorm cool. Manchmal ließ sie auch bei ihren Freundinnen kleine Bemerkungen über Martin fallen. Die fanden das auch alle sehr aufregend.

Sie ging gern im Wald spazieren und dachte sich dabei weitere Martin-Geschichten aus. Ach, das war so … geil würde man wohl sagen. Wie sie sich an diesem Tag verlaufen hatte, wusste sie hinterher nicht mehr. Plötzlich stand sie an einer Stelle, die sie nicht kannte, von der sie weder vor noch zurück wusste. Sie lief planlos durch die Gegend, nichts. Handy und die Eltern anrufen? Nee, das war nicht cool. Mit dem Navi kam sie nicht zurecht, nicht im Wald. Bis der Empfang schließlich ganz weg war, ein Funkloch, so ein Mist. Sie war schon eine Stunde überfällig, es wurde langsam dämmrig, und trotz ihrer persönlichen Reife biss sie sich auf die Unterlippe, um nicht zu weinen. Sie überlegte schon, was sie essen könnte, als sie plötzlich Schritte hörte. Ein Förster? Keine Ahnung. Sie wusste nicht, ob sie sich freuen sollte oder besser Angst haben.