Mit Martin (2/2)

Weglaufen, stehen bleiben? Sie konnte sich nicht entscheiden. Und da hatte er sie auch schon gesehen, es war ein Mann. Puh, wie blöde, sowas würde ihr nicht noch einmal passieren, das schwor sie sich, wenn sie wieder allein spazieren ginge. Immer nur auf bekannten Wegen bleiben. Der Mann sah sie an und lächelte: „Na, was machen Sie denn hier, junge Dame?“ Sie wollte erst etwas Freches sagen, dann eine arrogante Lüge, aber irgendwie sah er freundlich aus, nicht wie ein Lustmörder und so sprach sie einfach die Wahrheit aus: „Ich habe mich total verlaufen, ich weiß nicht mehr, wo ich bin, und ich habe Angst, die Nacht im Wald verbringen zu müssen.“ Trotz der nahenden Dämmerung zwischen den dunklen Bäumen sah sie ihn lächeln. „Okay, pass auf, ich kenne mich hier aus, ich gehe hier seit vielen Jahren spazieren. Ich bringe dich zur nächsten Straßenbahnhaltestelle, bist du einverstanden?“ Er sagte zum Glück nicht so etwas wie „Hab keine Angst, ich tu dir nichts“, denn sie wusste aus ihrer Lektüre, dass nur Mörder so etwas sagen.

So streiften die beiden durch den Wald, er bot ihr sogar seine Wasserflasche an, was sie dankbar annahm. Er fragte sie nach ihrem Namen, sie sagte ihn und fragte zurück: Wie heißen Sie? „Du kannst mich ruhig duzen, ich heiße Martin.“ Da musste sie doch ziemlich laut lachen. Martin war nett, aber überhaupt nicht der Traumprinz ihres Tagebuchs. Größer, mit einem ruppigen Bart, buschigen Augenbrauen über den freundlichen Augen. Ein bisschen wie ihr Onkel Rupert. „Warum lachst du? Ist etwas mit meinem Namen?“ Sie nickte, „Ich habe ein paar Geschichten geschrieben, da kommt ein Held vor, der heißt Martin.“ „Na, sowas“, er lachte mit ihr. Sie unterhielten sich munter, sie erzählte ihm von ihren Eltern, ihrem kleinen Hamster, der Schule. Irgendwie war er jemand, dem man vertrauen konnte. Aber nicht zu viel, über ihren Martin berichtete sie nur spärlich, vor allem nicht, na ja, von jenen Szenen. Er erzählte auch ein bisschen von sich, er war Lehrer an einem Gymnasium. Sie wunderte sich, dass Lehrer so nett sein konnten.

Es war ein langer Weg, sie hatte auf dem Hinweg gar nicht bemerkt, wie weit sie gegangen war. Kurz vor der Haltestelle war ein Park. „Sollen wir uns erst noch ein bisschen setzen und du kannst dich erholen, bevor du nach Hause fährst, damit du nicht so abgehetzt aussiehst, als wärst du vor dem Teufel davongelaufen?“ Es war toll mit Martin. Sie setzten sich auf die Bank und unterhielten sich. Er wusste unheimlich viel, war für so einen alten Mann richtig lustig. Nicht so einsilbig wie Onkel Rupert. „Jetzt muss ich aber wirklich gehen“, zu Hause anrufen ging nicht mehr, Akku leer, wie das immer so ist. „Klar“, antwortete Martin, „sonst sorgen sich deine …“. Weiter kam er nicht mehr. Von der anderen Seite kam schreiend ihre Mutter gelaufen „Mein Kind, mein Kind … bist du in Ordnung?“ Ihr Vater griff Marin rau am Arm und donnerte los: „Sie sind bestimmt Martin, oder?“ Martin schaute von einem zum anderen, „Ja, ich heiße Martin.“ „Sie Lüstling, sie altersgeiler Bock, lassen Sie die Hände von meiner Tochter!!! Wir haben alles gelesen, was sie unserem unschuldigen Kind angetan haben.“

Das war der peinlichste Tag in ihrem Leben gewesen. Konnte sie wissen, dass ihre Eltern sich in ihrer Sorge dann doch über ihr Tagebuch hergemacht hatten? Erst auf der Polizeidienststelle konnte alles geklärt werden. Martin war sauer und verabschiedete sich nicht einmal von ihr. Sie hoffte nur, dass er nie an ihre Schule versetzt würde.