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Neben Nils

Katharina saß am Schreibtisch, der Laptop stand aufgeklappt vor ihr. Sie hatte bereits eine Datei geöffnet, der Cursor blinkte erwartungsvoll am Anfang eines neuen Absatzes. Sie war schon gut vorwärtsgekommen, das Thema „Bio-Zertifizierung und Preisgestaltung“ hatte sie sich selbst für die Bachelor-Arbeit ausgesucht. Die Dozentin war begeistert, als sie es vorgeschlagen hatte.

Sie hatte sich reichlich Literatur besorgt, Bio-Firmen einen Fragebogen zugeschickt, den sie selbst entwickelt hatte. Bei der Bewertung der einzelnen Fragen hatte ihr die Dozentin geholfen. Bei Versenden der Fragebogen hatte sie auch immer gleich gefragt, ob sie einmal vorbeikommen könnte, um einige Dinge persönlich in Augenschein zu nehmen und die Antworten auf dem Fragebogen gegebenenfalls zu besprechen. Die großen Namen hatten alle zugesagt, sowas ist Teil von PR. Gestern hatte sie dann den ersten Gesprächstermin, ein Herr Dr. Vincent Müller-Schubsteg hatte sie zum Gespräch eingeladen. Sie war mächtig aufgeregt und hatte lange überlegt, wie sie dort auftreten solle. Jugendlich-sportlich in Jeans und Sneakern, mädchenhaft elegant mit Rüschenbluse in eine Stoffhose gesteckt oder Femme fatale in kurzem Rock? Sie hatte das gedanklich mehrmals durchgespielt. Es war deshalb wichtig, weil sie bei ihren Gesprächspartnern in Erinnerung bleiben wollte. Nach Erreichen des Bachelors wollte sie gerne bei einer dieser Firmen anfangen. Sie war vom Biogedanken überzeugt, und wer brauchte sie nicht? Sie musste immer etwas lachen über diese arrogante Denkweise, hinter der sie nicht wirklich stand, die aber mit dem Studium quasi eingeimpft wird.

Sie entschied sich gar nicht, sondern griff am nächsten Morgen, ohne zu überlegen, zu den Sachen, in denen sie sich wohlfühlte. Sie hatte einmal eine Typberatung belegt, seitdem hielt sie sich an die Farbvorgaben und Ähnliches. Sie hatte sogar einen Farbfächer zu Hause, auf dem sie im Zweifelsfall immer ablesen konnte, ob dies die richtige Farbe für sie war. Seitdem fühlte sie sich deutlich sicherer bei der Kleiderwahl. Es gab kein Kleidungsstück mehr im Schrank, das nicht konform war. Schwarzer Blouson mit grau abgesetzten Ärmelumschlägen und Kragen, dazu eine fast neue hellgraue Jeans, ein taubenblaues T-Shirt mit Pailletten, die ein abstraktes Muster ergaben. Bloß kein Herz, keinen Totenkopf oder gar ein dämlicher Spruch. Sie hatte sich außerdem sorgfältig geschminkt: dezent und in den Tönen, die zu ihr passten, so wie sie das im Kosmetik-Coaching gelernt hatte. Sie schaute in den Spiegel: modern, forsch, aber nicht frech oder gar zu ausgefallen, aber auch keine graue Maus. Sie steckte noch eine rote Brosche ans Revers, um frische Farbe in ihr Erscheinungsbild zu bringen, aber trägt man überhaupt noch Broschen? Im Coaching für „Finde dein richtiges Outfit“ hatten sie von Broschen ganz allgemein abgeraten. Im Intuitionstraining wiederum hatten sie ihr erklärt, dass allein zählt, wie sie sich fühlt, und das überträgt sich auf die anderen. „Na, hoffentlich nicht!“, dachte Katharina und musste schmunzeln. Sie fühlte sich wie ein Häschen, das zum Schlachtbrett befördert wird.

Getreu den Devisen des positiven Denkens hatte sie sich schon morgens beim Zähne putzen zwanzig Mal ihr Mantra vorgesagt, oder eher gedacht: „Es wird ein Supertag, ich bin überzeugend und charmant, die Umfrage wird super laufen und später wird man mir einen Job dort anbieten.“

Katharina war mit sich und der Welt zufrieden. Nur nicht so ganz mit der roten Brosche. Hmmm. Vielleicht lieber eine rote Bluse? Aber in der blauen Seidenbluse fühlte sie sich so absolut wohl und das hatten alle Coaches ihr gesagt: Fühle dich wohl, bei allem, was du tust. Rot ist die Farbe der Aggression, aber auch der Aktion. Hmmm, wo noch etwas Rot unterbringen? Schließlich gab sie auf. Es musste ohne Rot gehen.

Für ein Bio-Unternehmen war das Hauptgebäude schon recht luxuriös. Aber das war ein Überbleibsel ihrer elterlichen Erziehung, dass auch sie dachte, Bio müsse immer mit Natur und Einfachheit eng zusammenhängen. Sie hatte genug Erfolgsseminare hinter sich, um zu wissen, dass Erfolg unabhängig von der moralischen Ausrichtung sein muss, sie ist nur das Tüpfelchen auf dem i. Katharina schritt zur Rezeption, die junge Dame dort schaute auf und lächelte sie an. Ein Bio-Lächeln sicher. „Was kann ich für Sie tun?“ Katharina räusperte sich: „Ich habe um 15 Uhr einen Termin mit Dr. Müller-Schubsteg.“

„Ach Sie sind Katharina? Vincent hat eine kleine Nachricht für Sie hinterlassen,“ Katharina war etwas konsterniert wegen all der Vornamen. Die junge Frau an der Rezeption trug „Marie“ auf dem Namensschildchen und sah den irritierten Blick von Katharina. „Stil des Hauses, wir nennen uns beim Vornamen. Sozusagen Bio im Umgang miteinander.“ „Aha …“

„Also, Vincent kann heute leider nicht, aber Nils, sein Assistent, wird das Gespräch übernehmen, er kennt sich genauso gut aus.“ Marie drückte auf ein Knöpfchen, hob den Telefonhörer „Nils? Katharina ist da!“ Sie nickte Katharina zu, „er kommt gleich“.

Katharina war etwas irritiert. So einfach jemandem quasi vor der Tür absagen, ist nicht wirklich guter Stil. Und so ein Assistent … er würde sie sicher auch nicht für einen Job vormerken können.

Ein Mann kam aus dem Aufzug auf sie zu, das konnte nur Nils sein, denn er schritt so zielstrebig auf die Rezeption zu. Er war nicht besonders groß, ein bisschen zu kräftig ihrer Vorstellung nach. Salopp gekleidet, aber teuer (das war bestimmt ein Naturseidenpulli!), mit Geschmack. Sein Lächeln war überwältigend, seine braunen Augen strahlten so viel Wärme aus. So etwas hatte Katharina noch nie erlebt, sie war sonst eher zurückhaltend in ihren Gefühlen. Bei Nils war das alles vorbei, sie wusste: Neben Nils konnte keiner bestehen. Vom Rest des Nachmittags wusste sie später nicht mehr viel, Nils hatte ihr auf seine intensive Weise, leicht vorgebeugt, zugehört und sie immer bestärkt. Es war wundervoll.

Es dauerte nicht lange, und sie waren ein Paar. Nils versicherte ihr, dass gar kein Zweifel daran bestehen könne, dass sie den ersehnten Job in der Firma bekommen würde. „Stell dir vor, wir würden uns jeden Tag sehen!“

Er machte ihr zahlreiche Komplimente für ihren guten Geschmack, ihr selbstsicheres Auftreten (das war ihr selbst noch nie aufgefallen), für Ihre Herzenswärme, ihre Leidenschaft, ihre Klugheit. Es war wie im Schlaraffenland der Liebe.

So gingen ein paar Monate ins Land, den fast zugesagten Job hatte Katharina nicht bekommen, aber einen anderen. Sie verdiente genug, die Arbeit war prima und mit Nils war alles wunderbar. Dann bekam er von Vincent, so erzählte er, das Angebot, sich in der Firma stärker zu engagieren, was aber auch eine finanzielle Beteiligung bedeuten würde. Die könnte er sich nicht leisten. Während er das berichtete, hielt er Katharinas Hände zwischen den seinen. Seine samtbraunen Augen schauten so traurig aus, dass sie ihm von sich aus anbot, ihm Geld zu leihen. „Nein, meine liebe Katharina“, flüsterte er ihr ins Ohr, während er sie im Arm hielt, „das kann ich nicht zulassen.“ Aber er ließ es zu: Sie gab ihm das Geld für die Firma, Geld für sein neues Auto (er musste jetzt standesgemäß sein, er konnte kaum in einer alten Nuckelpinne zum Kundenbesuch fahren), Geld für seine maßgeschneiderten Anzüge („Vincent erwartet das irgendwie“). Ihr Gespartes war schon lange dahin, sie hatte einen Kredit, nein zwei Kredite aufgenommen, für die sie das Häuschen ihrer Eltern als Sicherheit einsetzte. Alles das tat sie gern und mit Freude, Nils konnte sich so freuen und so dankbar zeigen!

Das Geld wurde knapper. „Nils, sollten wir vielleicht mal ein Seminar besuchen, wie man besser mit Geld umgehen kann?“ Nils sah sie entsetzt an: „Aber mein Engel, so etwas brauchen wir doch nicht, du wirst sehen, in ein paar Tagen ist der Engpass vorbei! Oh, übrigens, hast du noch ein paar Euro für mich? Ich habe ein paar Kollegen versprochen, mit ihnen einen trinken zu gehen. Wichtig fürs Betriebsklima, so als Teilhaber, weiß du?“ Sie seufzte, das waren ihre letzten fünfzig Euro in diesem Monat und davon hatte sie eigentlich ihrer Mutter ein Geburtstagsgeschenk kaufen wollen. Aber Nils war immer so überzeugend und so dankbar!

In der Biobranche machen Klatsch und Tratsch genauso schnell die Runde wie anderswo. Und wie es immer so ist, war Katharina die Letzte, die erfuhr, dass sie erstens nicht die einzige dumme Pute gewesen war, die Nils ausgenommen hatte, sondern dass er jetzt häufig turtelnd mit Marie gesehen wurde. Sie kochte. Aber immer, wenn er nach Hause kam – was recht selten geworden war -, war er so süß. Neben Nils und seinem Charme konnte niemand bestehen.

Da sie so viel Zeit hatte, besuchte sie das Finanzierungsseminar allein. Das machte sie etwas unruhig. Sie ging zu Hause die Kreditverträge durch. Alles auf ihren Namen! Ihr wurde ein bisschen übel. Aber Katharina wäre nicht Katharina gewesen, wenn sie nicht irgendwann aufgewacht wäre. Auch wenn ihr klar war, dass sie ihr Geld kaum je wiedersehen würde und noch viele Jahre an den Krediten abbezahlen müsste, nein, von Nils hatte sie genug.

Sie räumte seine Habseligkeiten (die Wohnung war zum Glück auf ihren Namen gemietet) in zwei Kartons, stellte sie auf die Straße und schrieb ihm eine Nachricht „Dein Dreckszeugs steht auf der Straße. Du holst es am besten bald ab, es sieht nach Regen aus.“

Sie schaute nicht aus dem Fenster, sie würde es nicht ertragen können, ihn zu sehen. Die Gefahr, dass er zum Fenster hochschauen und ihr zuwinken würde, nein, da konnte sie sich ihrer selbst noch nicht sicher genug sein.

Sie wusste, er würde kommen, die Kisten abholen und nochmals versuchen, sie umzustimmen. So gut kannte er sie eben nicht, dass er erkannt hätte, wann bei ihr endgültig der Ofen aus war. Sie suchte sich in YouTube ein paar stimmungshebende Lieder heraus, mit viel Rhythmus und Gefühl und drehte den Lautstärkeregler möglichst hoch. Sie wollte das Klingeln nicht hören. Um 19:40 Uhr war es ihr so, als hätte sie doch etwas gehört. Aber sie rückte nur die Kopfhörer zurecht. Sie rief eine Suchmaschine auf und tippte ein „Coaching, Trennung, Trauerverarbeitung“. Eine lange Liste wurde ihr angezeigt. Sie schränkte die Suche ein, indem sie zusätzlich ihre Heimatstadt eingab. Dann hatte sie gefunden, was sie suchte: „Selbstbewusst nach meiner Trennung – du bist das Wichtigste in deinem Leben“, Zwei Samstage hier in der Stadt, im Opernhaus, sie musste nicht einmal eine Übernachtung buchen. Der Preis inklusive Verpflegung war für diesen bekannten Beziehungscoach wirklich human. Die dreitausend Euro könnte ihre Mutter ihr sicher ein letztes Mal leihen, auch wenn sie dafür den Bernsteinschmuck der Großmutter verkaufen müsste. Sie schaute sich ein paar Videos mit dem Beziehungscoach an. Sie war von den Socken. So wunderbare blaue Augen, sie war wie verzaubert. Das Anmeldeformular fand sie schnell. Ein Leben ohne Seminare, ohne Coaching – langweilig und erfolglos.