Neben Nils (2/3)

Katharina war mit sich und der Welt zufrieden. Nur nicht so ganz mit der roten Brosche. Hmmm. Vielleicht lieber eine rote Bluse? Aber in der blauen Seidenbluse fühlte sie sich so absolut wohl und das hatten alle Coaches ihr gesagt: Fühle dich wohl, bei allem, was du tust. Rot ist die Farbe der Aggression, aber auch der Aktion. Hmmm, wo noch etwas Rot unterbringen? Schließlich gab sie auf. Es musste ohne Rot gehen.

Für ein Bio-Unternehmen war das Hauptgebäude schon recht luxuriös. Aber das war ein Überbleibsel ihrer elterlichen Erziehung, dass auch sie dachte, Bio müsse immer mit Natur und Einfachheit eng zusammenhängen. Sie hatte genug Erfolgsseminare hinter sich, um zu wissen, dass Erfolg unabhängig von der moralischen Ausrichtung sein muss, sie ist nur das Tüpfelchen auf dem i. Katharina schritt zur Rezeption, die junge Dame dort schaute auf und lächelte sie an. Ein Bio-Lächeln sicher. „Was kann ich für Sie tun?“ Katharina räusperte sich: „Ich habe um 15 Uhr einen Termin mit Dr. Müller-Schubsteg.“

„Ach Sie sind Katharina? Vincent hat eine kleine Nachricht für Sie hinterlassen,“ Katharina war etwas konsterniert wegen all der Vornamen. Die junge Frau an der Rezeption trug „Marie“ auf dem Namensschildchen und sah den irritierten Blick von Katharina. „Stil des Hauses, wir nennen uns beim Vornamen. Sozusagen Bio im Umgang miteinander.“ „Aha …“

„Also, Vincent kann heute leider nicht, aber Nils, sein Assistent, wird das Gespräch übernehmen, er kennt sich genauso gut aus.“ Marie drückte auf ein Knöpfchen, hob den Telefonhörer „Nils? Katharina ist da!“ Sie nickte Katharina zu, „er kommt gleich“.

Katharina war etwas irritiert. So einfach jemandem quasi vor der Tür absagen, ist nicht wirklich guter Stil. Und so ein Assistent … er würde sie sicher auch nicht für einen Job vormerken können.

Ein Mann kam aus dem Aufzug auf sie zu, das konnte nur Nils sein, denn er schritt so zielstrebig auf die Rezeption zu. Er war nicht besonders groß, ein bisschen zu kräftig ihrer Vorstellung nach. Salopp gekleidet, aber teuer (das war bestimmt ein Naturseidenpulli!), mit Geschmack. Sein Lächeln war überwältigend, seine braunen Augen strahlten so viel Wärme aus. So etwas hatte Katharina noch nie erlebt, sie war sonst eher zurückhaltend in ihren Gefühlen. Bei Nils war das alles vorbei, sie wusste: Neben Nils konnte keiner bestehen. Vom Rest des Nachmittags wusste sie später nicht mehr viel, Nils hatte ihr auf seine intensive Weise, leicht vorgebeugt, zugehört und sie immer bestärkt. Es war wundervoll.

Es dauerte nicht lange, und sie waren ein Paar. Nils versicherte ihr, dass gar kein Zweifel daran bestehen könne, dass sie den ersehnten Job in der Firma bekommen würde. „Stell dir vor, wir würden uns jeden Tag sehen!“

Er machte ihr zahlreiche Komplimente für ihren guten Geschmack, ihr selbstsicheres Auftreten (das war ihr selbst noch nie aufgefallen), für Ihre Herzenswärme, ihre Leidenschaft, ihre Klugheit. Es war wie im Schlaraffenland der Liebe.