Neben Nils (3/3)

So gingen ein paar Monate ins Land, den fast zugesagten Job hatte Katharina nicht bekommen, aber einen anderen. Sie verdiente genug, die Arbeit war prima und mit Nils war alles wunderbar. Dann bekam er von Vincent, so erzählte er, das Angebot, sich in der Firma stärker zu engagieren, was aber auch eine finanzielle Beteiligung bedeuten würde. Die könnte er sich nicht leisten. Während er das berichtete, hielt er Katharinas Hände zwischen den seinen. Seine samtbraunen Augen schauten so traurig aus, dass sie ihm von sich aus anbot, ihm Geld zu leihen. „Nein, meine liebe Katharina“, flüsterte er ihr ins Ohr, während er sie im Arm hielt, „das kann ich nicht zulassen.“ Aber er ließ es zu: Sie gab ihm das Geld für die Firma, Geld für sein neues Auto (er musste jetzt standesgemäß sein, er konnte kaum in einer alten Nuckelpinne zum Kundenbesuch fahren), Geld für seine maßgeschneiderten Anzüge („Vincent erwartet das irgendwie“). Ihr Gespartes war schon lange dahin, sie hatte einen Kredit, nein zwei Kredite aufgenommen, für die sie das Häuschen ihrer Eltern als Sicherheit einsetzte. Alles das tat sie gern und mit Freude, Nils konnte sich so freuen und so dankbar zeigen!

Das Geld wurde knapper. „Nils, sollten wir vielleicht mal ein Seminar besuchen, wie man besser mit Geld umgehen kann?“ Nils sah sie entsetzt an: „Aber mein Engel, so etwas brauchen wir doch nicht, du wirst sehen, in ein paar Tagen ist der Engpass vorbei! Oh, übrigens, hast du noch ein paar Euro für mich? Ich habe ein paar Kollegen versprochen, mit ihnen einen trinken zu gehen. Wichtig fürs Betriebsklima, so als Teilhaber, weiß du?“ Sie seufzte, das waren ihre letzten fünfzig Euro in diesem Monat und davon hatte sie eigentlich ihrer Mutter ein Geburtstagsgeschenk kaufen wollen. Aber Nils war immer so überzeugend und so dankbar!

In der Biobranche machen Klatsch und Tratsch genauso schnell die Runde wie anderswo. Und wie es immer so ist, war Katharina die Letzte, die erfuhr, dass sie erstens nicht die einzige dumme Pute gewesen war, die Nils ausgenommen hatte, sondern dass er jetzt häufig turtelnd mit Marie gesehen wurde. Sie kochte. Aber immer, wenn er nach Hause kam – was recht selten geworden war -, war er so süß. Neben Nils und seinem Charme konnte niemand bestehen.

Da sie so viel Zeit hatte, besuchte sie das Finanzierungsseminar allein. Das machte sie etwas unruhig. Sie ging zu Hause die Kreditverträge durch. Alles auf ihren Namen! Ihr wurde ein bisschen übel. Aber Katharina wäre nicht Katharina gewesen, wenn sie nicht irgendwann aufgewacht wäre. Auch wenn ihr klar war, dass sie ihr Geld kaum je wiedersehen würde und noch viele Jahre an den Krediten abbezahlen müsste, nein, von Nils hatte sie genug.

Sie räumte seine Habseligkeiten (die Wohnung war zum Glück auf ihren Namen gemietet) in zwei Kartons, stellte sie auf die Straße und schrieb ihm eine Nachricht „Dein Dreckszeugs steht auf der Straße. Du holst es am besten bald ab, es sieht nach Regen aus.“

Sie schaute nicht aus dem Fenster, sie würde es nicht ertragen können, ihn zu sehen. Die Gefahr, dass er zum Fenster hochschauen und ihr zuwinken würde, nein, da konnte sie sich ihrer selbst noch nicht sicher genug sein.

Sie wusste, er würde kommen, die Kisten abholen und nochmals versuchen, sie umzustimmen. So gut kannte er sie eben nicht, dass er erkannt hätte, wann bei ihr endgültig der Ofen aus war. Sie suchte sich in YouTube ein paar stimmungshebende Lieder heraus, mit viel Rhythmus und Gefühl und drehte den Lautstärkeregler möglichst hoch. Sie wollte das Klingeln nicht hören. Um 19:40 Uhr war es ihr so, als hätte sie doch etwas gehört. Aber sie rückte nur die Kopfhörer zurecht. Sie rief eine Suchmaschine auf und tippte ein „Coaching, Trennung, Trauerverarbeitung“. Eine lange Liste wurde ihr angezeigt. Sie schränkte die Suche ein, indem sie zusätzlich ihre Heimatstadt eingab. Dann hatte sie gefunden, was sie suchte: „Selbstbewusst nach meiner Trennung – du bist das Wichtigste in deinem Leben“, Zwei Samstage hier in der Stadt, im Opernhaus, sie musste nicht einmal eine Übernachtung buchen. Der Preis inklusive Verpflegung war für diesen bekannten Beziehungscoach wirklich human. Die dreitausend Euro könnte ihre Mutter ihr sicher ein letztes Mal leihen, auch wenn sie dafür den Bernsteinschmuck der Großmutter verkaufen müsste. Sie schaute sich ein paar Videos mit dem Beziehungscoach an. Sie war von den Socken. So wunderbare blaue Augen, sie war wie verzaubert. Das Anmeldeformular fand sie schnell. Ein Leben ohne Seminare, ohne Coaching – langweilig und erfolglos.