Ohne Olga (1/2)

Ohne Olga

Sie trafen sich einmal in der Woche, und das schon seit über dreißig Jahren. Marlene und Henriette kannten sich einige Jahre länger, sie hatten zusammen die höhere Handelsschule besucht. Marlene überlegte, ob es diese Einrichtung heute wohl noch gäbe. Schreibmaschine schreiben hatten sie gelernt auf mechanischen Maschinen, die Handgelenke litten. Stenografie gehörte damals ebenso ins Programm. Sie trugen Trevira-Faltenröcke und Pullis mit eingelegten falschen Kragen. Sie waren so um die zwanzig Jahre alt, eine Mischung aus verrückt und ehrgeizig. Die beiden hatten damals schon angefangen, sich jede Woche mindestens einmal auch abends zu treffen. Tagsüber hockten sie sowieso gemeinsam an den Pulten.

Einige Jahre später schlug Marlene vor, zwei ihrer Kolleginnen aus dem Büro mitzubringen. „Die passen gut zu uns, wir könnten dann Skat oder Rommee oder sowas spielen.“ Ingelore und Annegret passten wirklich gut in die kleine Runde. An Henriette nagte es etwas, dass beide Neuzugänge von Marlene kamen. Nach wenigen Wochen schlug sie daher vor, dass sie auch jemand Nettes kennen würde, der prima zu ihnen passte. Skat zu fünft ist natürlich nicht möglich, aber Mensch ärgere dich nicht oder Stadt-Land-Fluss? Und so kam Olga ebenfalls in die muntere Runde.

Sie gingen gemeinsam durch die Jahrzehnte, lernten Männer kennen, heirateten, hatten Kinder, Enkel, waren vielleicht auch wieder allein. Marlene hatte nah am Wasser gebaut und begleitete viele Erzählungen mit ihren Tränen, Henriette versuchte stets, den Sinn hinter allem zu sehen. Ingelore lachte über alles, Annegret war sich unschlüssig, wie sie etwas einschätzen sollte, und Olga kommentierte alles in ihrem bissigen Sarkasmus, der bei den anderen häufig Gelächter auslöste. Ihr Mann war früh gestorben, nach einer zweiten Beziehung stand ihr nicht der Sinn und so brachte sie ihre beiden Kinder in einer Zeit alleine durch, als es den Ausdruck „alleinerziehende Mütter“ noch gar nicht gab. Was nicht heißt, dass es damals einfacher war, im Gegenteil. Sie war stolz darauf, dass es ihre Kinder zu etwas gebracht hatten. Der Sohn war Zahnarzt mit einer gut gehenden Praxis in der Kreisstadt, ihre Tochter hatte ein florierendes Steuerberatungsbüro. Auch ihre Enkel hatten mittlerweile alle Abitur und studierten teilweise schon. Olga war sehr großzügig dabei, die anderen an ihrem Glück teilhaben zu lassen.

Die anderen Damen hatten auch wohlgeratene Kinder, fanden sie schon. Aber was ist ein Blumenladen, ein Friseurgeschäft, eine Pommes Bude, eine Dachdeckerei, ein kleiner Installateursbetrieb, der Job als Verkäuferin in einer Boutique verglichen mit diesen erfolgreichen Menschen? Mit den Jahren entwickelten die Vier eine gewisse Antipathie gegen Olga, die nie mit Fotos und Anekdoten sparte. Erzählte eine der anderen Frauen stolz von Kindern, Mann oder Enkeln, wusste Olga das stets ein wenig farbloser zu machen. Dies war der feinsinnigen Marlene immer aufgefallen, und sie bemerkte, wie sich dieser Trend verstärkte.

Manchmal fragte sich Marlene, warum sie sich überhaupt noch trafen. Die Atmosphäre war mit den Jahren immer unschöner geworden, die giftigen Bemerkungen nahmen überhand. Wenn sie versuchte mit Henriette, Ingelore oder Annegret darüber zu sprechen, zeigten diese – zumindest nach außen hin – kein Verständnis. „Aber Marlene, es ist doch alles prima, wir haben so viel Spaß!“

Marlene hatte nicht mehr viel Spaß. Wann immer sie etwas erzählte, wusste sie schon, dass Olga ihre Geschichte mit einer beißenden Bemerkung erniedrigen würde. Warum tat sie das? Und warum hatte Henriette diese Giftviole überhaupt in ehemals so heitere Truppe mitgebracht? Das musste Henriette doch damals schon gemerkt haben.

Marlene malte sich aus, wie die Treffen ohne Olga wären. Friedlich, lustig, unverbissen, einfach locker und fröhlich. Sie versuchte, die Termine so zu drehen, dass Olga verhindert war, die sich wiederum sehr viel Mühe gab wegen der alt bewährten Freundschaft doch auch die schwierigsten Termine zu halten.