Ohne Olga (2/2)

Jeder brachte etwas zu essen mit, Kleinigkeiten, um den Gaumen zu reizen. Stets versuchte Olga, alle zu übertrumpfen. Besonders auf Marlene hatte sie es abgesehen. Hatte diese sich extra Mühe gegeben und komplizierteste Petit Fours gebacken, konnte sie sicher sein, dass Olga beim nächsten Treffen die perfekten Petit Fours mitbrächte. Marlene wusste nicht, ob sie früher einfach nicht gemerkt hatte, wie hinterlistig und zersetzend Olga war oder ob sie gleichzeitig empfindlicher geworden war. Die anderen schienen jedoch nichts zu merken. Ohne Olga wäre alles so fröhlich! Sie traute sich aber nichts zu sagen aus Furcht, ihre Freundinnen würden sich gemeinsam gegen sie wenden. Etwas, dass die zartbesaitete Marlene nicht ertragen konnte, der Harmonie über alles, oder sagen wir besser: fast über alles ging.

Sie merkte selbst, wie sie langsam von dem Gedanken besessen war, Olga loszuwerden, Olga mit der perfekten Frisur, der perfekt-eleganten Kleidung, den perfekten Kindern und Enkelkindern. Marlene hatte zwei Kinder und drei Enkel, herzallerliebste Engelchen, die drei. Sie waren drall und rotbackig, kletterten über Zäune und Abdeckungen, lutschten am Daumen, stahlen Äpfel, waren fast wie aus einem Bilderbuch entsprungen. Olgas Enkel fand sie schon von den Erzählungen her extrem unangenehm, vorlaut und altklug.

Selbst Henriette, mit der Marlene am längsten befreundet war, wollte ihrer Freundin gedanklich nicht folgen. „Marlene, so schlimm ist sie wirklich nicht. Sie ist halt stolz, wer kann es ihr verdenken? Sie kommt aus einer Arbeiterfamilie und ihre Kinder und Enkel haben es so weit gebracht!“ Und ähnliche Dinge mehr. Marlene lachte hässlich, ja, ja, Arbeiterfamilie. So kann man den asozialen Unterbau auch nennen.

Ihr wurde immer klarer, dass sie Olga loswerden musste. Es war dringlich für die fröhliche Stimmung. Ohne Olga wären sie ein echtes lustiges Kaffeekränzchen voller Harmonie und Spaß.

Marlene war ihr Leben lang ihren Weg konsequent gegangen. Als ihr Mann nicht mehr bereit war, ihre Vorstellungen von Erziehung mitzutragen, hatte sie sich von einem auf den anderen Tag von ihm getrennt. Ihre Kinder hatte sie bewusst gelegentlich geohrfeigt, einfach einem höheren Ziel zuliebe. Nein, Spaß hatte ihr das nicht gemacht, sie schlug nicht gerne, schon gar nicht ihre eigenen Kinder. Aber wer sich Kinder zulegt, trägt Verantwortung für deren Gelingen. Und da sie sich als Gründerin der Runde sah, war sie verantwortlich dafür, Fehler in Ordnung zu bringen.

Wie es sein musste, hatte Olga mit den Wechseljahren eine schwere Haselnussallergie entwickelt. Da passte es, dass sie sowieso Fruchteis am liebsten aß. Weil sie, Marlene, leider etwas vergesslich war – ein Bild, das sie geschickt von sich aufbaute –, würde niemand auf die Idee kommen, dass es irgendetwas anderes als Vergesslichkeit hatte sein können, Haselnüsse in das Fruchteis einzubauen. Marlene war stolz auf ihr Erdbeereis und bereitete ihren Freundinnen davon gerne und reichlich zu.

Sie verteilte das Eis in der Küche in die Gläser und trug die Portionen auf einem Tablett in das Wohnzimmer und setzte sie vor ihre Gäste. Jede bekam noch einen Klecks geschlagene Sahne obendrauf und noch ein bis zwei Esslöffel von ihrer allseits beliebten Karamellsoße. Sie selbst setzte sich an den Tisch, aß brav und langsam ihre Portion und beobachtete ihre Freundinnen, die heute auffallend heiter schienen. Ab und zu nippte sie vom Aperitif. Ahnten sie schon, dass es bald wieder gemütlich werden würde, so ohne Olga?

Olga hatte drei Löffel von dem Eis gegessen, biss in einen Keks und fing an zu husten. Waren das die ersten Zeichen der schweren Allergie? Marlene frohlockte leise, lächelte schon fast und fiel seitwärts vom Stuhl.

Die anderen schauten sich an, Olga hatte sich von ihrem Hustenanfall erholt. Sie warteten drei Minuten, dann fühlte Henriette Marlenes Puls. Da war nichts mehr. Als verdaddelte alte Damen alarmierten sie nach einer Weile den Notarzt, natürlich leider viel, viel zu spät. Dann würden sie alle ein wenig weinen und dem Notarzt kleine nette Anekdoten von Marlene erzählen. Olga gab Anweisungen: „Henriette, du spülst die Flasche und füllst sie mit neuem Zitronensprudel auf. Ingelore, wir beide setzen uns ins ehemalige Kinderzimmer und spielen Maumau. Senioren werden irgendwann ein wenig kindisch.“ Alle taten, was abgesprochen war. Es war so viel einfacher ohne Marlene, die alles immer so negativ gestaltete.