Plus Paul (1/2)

Plus Paul

Warum die Eltern ihm den Namen Johannes gegeben hatten, wussten sie später selbst nicht mehr. Sie nannten ihn schon nach wenigen Wochen Hannes, aber das fanden sie genauso altmodisch wie Johannes. Dann hatten sie so einen tollen Film gesehen, und daraufhin hieß ihr Johannes überall nur noch Johnny. Damit war Johnny zufrieden, auch als er älter wurde, selbst als er in das Alter kam, in dem Jugendliche eigentlich immer mit ihrem Vornamen unzufrieden sind. Johnny ist cool, fand Johnny.

Johnny war kein aggressives Kind, aber er wehrte sich seiner Haut. Er war schlagkräftig und fix, daher wurde er in Kindergarten oder Schule nur selten in Schlägereien verwickelt. Nur Paul, der das alles nicht wusste, als er neu in Johnnys Schule kam, versuchte Johnny kleinzukriegen. Was er dann aufgab, als er sich von ihm eine blutige Nase und zwei blutende Schienbeine eingehandelt hatte. Von diesem Zeitpunkt an hatte er große Hochachtung vor Johnny. Johnny wiederum bewunderte Paul von dem Tag an, an dem er ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Das Wort cool musste für Paul erfunden worden sein! Nicht nur hatte er immer schicke Klamotten an, die in der Saison angesagt waren, er war der erste mit Handy, gab in der Schule den Lehrern kräftig Widerworte und wusste unheimlich viel über die Dinge, die man als Junge wissen muss. Bei seinen Mitschülern war er deshalb absolut anerkannt, allerdings nicht so sehr bei den Eltern der Kinder. „Der ist zu frech, der wird mal abrutschen, da möchte ich nicht, dass er unseren Kevin (… David … Michael oder wie sie alle heißen mögen) herunterzieht“. Mütter von Mädchen sahen ihn ebenfalls kritisch, „Der ist mir zu frühreif!“, war eines der Argumente.

Frühreif war Paul in der Tat, und auch dafür wurde er von einigen bewundert. Nach der großen Schlägerei kamen Paul und Johnny prima miteinander aus, das ist aus der Literatur von Jungenfreundschaften wohlbekannt. Sie mochten sich, sie respektierten gegenseitig ihre Fähigkeiten. Zusammen waren sie ein geiles Team, wie sie selbst sagten.

Paul war zwei Jahre älter als Johnny, was aber nie auffiel, weil Paul relativ klein und Johnny relativ groß für sein Alter war. Mit dreizehn Jahren begann Paul sich für Mädchen zu interessieren, da musste Johnny mithalten, auch wenn es ihm eigentlich egal war. Das erste Mädchen, sie war siebzehn, an dem Paul seine Männlichkeit erprobte, musste anschließend für Johnny herhalten. Paul drückte ihr zehn Euro in die Hand: „Mach’s mit ihm auch, ich gucke zu, und dann kannst du dir was Hübsches kaufen.“

Johnny fand das cool. Deshalb ergänzte er die Liste für Geburtstagseinladungen, die seine Mutter ihm als Vorschlag präsentierte und auf der sie durchaus nicht ohne Grund Paul ausgelassen hatte, immer mit einem „Plus Paul!!!“. Mit drei Ausrufezeichen. Die Mutter seufzte, wenn es dann sein Herzenswunsch war …

Wenn Paul Johnny etwas zeigte, übernahm Johnny das mit Begeisterung. Meist trieb er es dann noch eine Stufe weiter, was Paul wiederum megatoll fand. Wenn Paul im Laden eine Dose Energiedrink mitgehen ließ, so als Mutprobe, nahm sich Johnny gleich drei Stück. Wenn Paul sich ein Mädchen schnappte, dann trieb Johnny es später mit ihr und zwei anderen gleichzeitig. Johnnys Eltern waren machtlos gegen Pauls Einfluss. Sie hatten gedacht, sie könnten einmal mit Pauls Eltern sprechen. Als sie seine Eltern bei einer Schulfeier sahen, guckten sie sich an und wussten – kein Wunder, dass Paul so geworden ist. Aber Johnny, er kam doch aus einem ordentlichen, geregelten, liebevollen Elternhaus? Sie gehörten zu der Generation, die fest davon überzeugt war, dass Erziehung einen Menschen ausmacht.