Qua Quentin

Qua Quentin

Quentin war hager, er ging gebeugt. Er war vor vier Jahren pensioniert worden und hatte während seiner ganzen Berufsjahre in der Universitätsbibliothek gearbeitet. Manche Studenten witzelten, er sähe schon selbst aus wie eine vergilbte Karteikarte.

Er war gewissenhaft, um nicht zu sagen akribisch. Er liebte den Duft der Karteikarten und hatte sich nur mit einem Seufzer an die digitale Katalogisierung gewöhnen können. Im Gegensatz zu einigen älteren Menschen jedoch, die sich in ihren letzten Berufsjahren weigern, noch etwas am PC zu erlernen, sah er das anders. Als es nicht mehr abzuwenden war, dass seine heißgeliebte Bibliothek digital erfasst wurde, meldete er sich zu einem Computerkursus an und kaufte sich einen Laptop. Als er die Bibliothek am letzten Arbeitstag verlassen musste, ging er nochmals zu seinen Lieblingsexemplaren und redete mit ihnen.

Es stimmt, Quentin war ein wenig wunderlich. Er hatte seine eigenen Bücher ebenfalls katalogisiert und diesen Katalog, wie könnte es anders sein, auf eine digitale Form umgestellt. Häufig sprach er mit seinen Büchern, denn er war alleinstehend. Eine Frau oder gar Kinder hätten nicht in seine Welt gepasst. Er hätte doch auch gar keine Zeit für sie gehabt, denn abends legten ihn seine Bücher mit Beschlag, stärker noch als die Universitätsbücher am Tag.

Nach der Pensionierung hatte er seine Arbeitskraft verschiedenen Bibliotheken angeboten, nicht einmal eine Bezahlung hatte er verlangt. Niemand benötigte seine Dienste.

Somit entschloss er sich, die eigene Bibliothek aufzustocken. Er war häufiger Gast auf Flohmärkten und in Antiquariaten. Wichtig waren ihm die billigsten Bücher, damit die Bibliothek umfangreich wurde. Seine Lieblingsbücher, die für niveauvolle Leser, bekamen einen violetten Wimpel auf den Rücken geklebt. Nur mit ihnen sprach er. Die anderen waren nur stumme Füllgäste.

In seiner kleinen Bibliothek fühlte er sich vollkommen glücklich. Er fragte sich, warum er damals nicht das Angebot der Frühpensionierung angenommen hatte. Dann hätte er schon lange mit dem Aufbau seiner eigenen Bibliothek beginnen können.

Er hatte keine Freunde, nur einige wenige Bekannte. Die Natur interessierte ihn ausschließlich in Buchbeschreibungen, d.h. er verließ die Wohnung mittlerweile nur noch, um die wichtigen Dinge des Lebens zu kaufen. Er war genügsam, achtete aber darauf, nicht nur Butterkekse zu essen und Kakao zu trinken. Er war belesen, nicht dumm und wusste vom Wert der Vitamine. Aber wenn er es sich so richtig gemütlich machen wollte mit seinen echten Freunden, legte er abgezählt zehn Butterkekse ordentlich gestapelt auf einen Teller und stellte einen Becher dampfenden Kakao daneben. Er war mit sich und seinem Leben zufrieden.

Beim Einkaufen wurde er manchmal merkwürdig angeschaut, er wusste nicht warum, aber eigentlich war es ihm egal. Er bemerkte nicht, dass er angefangen hatte, so gestelzt zu sprechen. Er fand seine Wortwahl einfach gehoben und seine Bücher liebten es, wenn er so mit ihnen sprach, sogar auch die aus der Billigkiste. Ein Buch ist eben immer ein Buch und ein Kulturgut, egal was drinsteht. Er war das Gesetz in seinem kleinen Reich und so schüttelten die Bücher nicht den Kopf, den sie gar nicht hatten, wenn er solche Sätze von sich gab. Sie lauschten seinen Gesetzen und gehorchten. Sie meckerten auch nicht, als er zum wiederholten Male sagte „Qua Quentin werdet Ihr mindestens einmal im Monat abgestaubt“, wobei er liebevoll mit einem weichen Tuch seine Lieblinge abrieb.