Rücksichtlich Renate (1/4)

Rücksichtlich Renate

Ja, es stimmt, Quentin liebte es, seine Bücher vorsichtig abzuwischen. Seinen Lieblingsbänden gab er Namen, die nicht unbedingt etwas mit dem Inhalt der Bücher zu tun hatten. Das waren meist Frauennamen, die ihm gefielen. Da hatte er wohlklingende klassische Namen im Sinn: Marianne, Ariadne, Viktoria, Renate, Susanna, Gesine, Gundula, Veronika, Henriette … Seine Billigbücher hießen alle Fritz, durchnummeriert: Fritz 1, Fritz 2 usw. Da war er auch nicht so zimperlich, wenn er sich einmal vertat, was ihm mit seinen Lieblingsbüchern nie passierte.

Er nahm sich dann so ein Buch, setzte sich auf seinen Lesesessel. Dieser Sessel war das teuerste Möbel in der kleinen Wohnung. Andere geben ihr Geld für riesige Fernseher, Luxusautos, exklusive Schuhe, Designeranzüge und Ähnliches aus. Quentin steckte sein ganzes Geld in Bücher und was damit zu tun hat. Bei den Bücherregalen war er einen Kompromiss eingegangen, die meisten stammten aus einem schwedischen Möbelhaus. Heute hatte er Henriette in der Hand. Er schlug Henriette auf, strich zärtlich über die Innenseiten. Er hatte das Buch antiquarisch erstanden, eine Erstausgabe. Leider hatte der Vorbesitzer Gedanken zum Buch mit Bleistift am Rand notiert. Normalerweise kaufte Quentin ein solch verschmiertes Buch nicht, aber dieses hier war nur selten als Erstausgabe zu bekommen. „Meine liebste Henriette, erinnerst du dich noch, wie ich dich entdeckt habe? Kaum warst du in meinem Besitz, bin ich in das Büchercafé um die Ecke gegangen und habe einen Café au Lait mit dir getrunken.“ Quentin senkte Henriette auf seine Knie und schaute leise lächelnd ins Leere. Henriette war die Besitzerin des Büchercafés: eine rundliche Brünette, voller Leben, Lachen und Fröhlichkeit. Sie mochte den stillen, hageren Quentin und setzte sich oft zu ihm an den Tisch. Sie unterhielten sich, er mit seinem eher leisen Humor, auf den sie oft mit herzhaft lautem Lachen reagierte. „Quentin, du könntest im Fernsehen in einem Literaturcafé auftreten, dein Humor ist so wunder-, wunder-, wundervoll!“

Quentin besuchte das Büchercafé nicht mehr. Vor zwei Jahren war ihm plötzlich aufgefallen, dass Henriette immer seltener kam. Er wollte nicht in ihr Privatleben eindringen und fragte nicht. Dann sah er sie drei Wochen gar nicht. Es war kalt und ungemütlich in dem Café und zufällig hörte er, wie sich zwei Mitarbeiter darüber unterhielten, dass Henriette die OP zwar gut überstanden habe, aber die Chemotherapie ihr doch sehr zusetzen würde. Haarausfall und so … Quentin zerriss es fast das Herz, er sollte sie besuchen, ihre Hand halten, sie zum Lachen bringen. Aber er war zu scheu mit all diesen fremden Menschen, um sie nach ihrer Adresse zu fragen. Er mied das Café, schaute aber immer wieder kurz vorbei und lugte durch das Fenster, ob eine abgemagerte Henriette mit Turban auf dem Kopf innen tätig wäre. Dann würde er sofort am Blumenstand nebenan ein paar Freesien kaufen (die mochte sie so gerne) und ihr seine Aufwartung machen. Aber er sah sie nie. Zwei Monate später hing eine Anzeige mit schwarzem Rand im Fenster. Er wusste, was er lesen würde, aber er wollte es mit eigenen Augen sehen. Henriette war verstorben, nur als Buch blieb sie ihm noch erhalten.