Rücksichtlich Renate (2/4)

Das Büchercafé war modernisiert worden: kahle Stahlregale und Glastische, neonfarbene Lampen, irgendwelche Fruchtsaftgetränke, mit merkwürdigen Gemüsen drin. Nein, danke, das war nicht Quentins Welt.

Vorsichtig stellte er Henriette wieder zurück ins Regal, genau zwischen Marianne und Felicitas. Es ist nicht etwa so, dass ihn der Inhalt der Bücher nicht interessierte, oh, das sollte keiner denken. Beides lief für ihn nebeneinander her. Henriette z.B. waren Gedichte lateinischer Dichter im Original. So konnte Quentin sein Latein noch ein wenig lebendig halten. „Eine tote Sprache lebendig halten“, Quentin lächelte. So war sein feiner Humor.

Er nahm den Rilke-Band aus dem Regal. Ein optisch auffallender Band mit Goldschnitt und Lederprägung. Er roch vorsichtig daran. Er öffnete das Buch, zufällig bei dem Gedicht „Der Panter“. Es zählte nicht zu seinen Lieblingen, war aber sicherlich das in Schulen am stärksten in den Unterricht eingebundene Gedicht von Rilke. Schade, schade. Diesem wunderschönen Band, der ihn relativ viel Geld gekostet hatte, der ihm so wert war, hatte er nur einen Namen geben können: Renate.

Gelegentlich erzählte er seiner Bücherwelt etwas zur Herkunft ihrer Namen oder auch den anderen zur Herkunft eines Bandes, der zwischen ihnen stand. Schon oft hatte er den Eindruck gehabt, sie zitterten und platzten fast vor Neugier, was es denn mit Renate auf sich habe. Heute wollte er ihnen Auskunft geben.

Er saß im Lesesessel, die Augen hinter der Lesebrille geschlossen, die Finger fuhren zart über den gelbroten feinen Lederdeckel. Renate … Er sah sich um: Alle waren aufmerksam und hofften, heute mehr über die „heilige Renate“ (wie sie sie insgeheim nannten) zu erfahren. Quentin schloss die Augen wieder.

Er sprach mit ganz, ganz leiser Stimme, fast flüsterte er. Aber er wusste, dass das Gehör von Büchern anders gestaltet war als das von Menschen. Sie konnten ihn sogar hören, wenn er nur mit seiner inneren Stimme sprach. Er begann:

„Rücksichtlich Renate seid Ihr wirklich sehr interessiert“. Und in seiner antiquierten Ausdrucksweise erzählte er ihre und seine Geschichte.

Es war in seiner ersten Anstellung in einer Bibliothek. Es war die Stadtbibliothek der kleinen Heimatstadt und seine erste Aufgabe bestand darin, die Sammlung vergilbter Karteikarten zu überarbeiten, d.h. auf den neusten Stand zu bringen. Von Digitalisierung war noch keine Rede. Er nahm sich einen großen Stapel weißer Karteikarten. Sie waren mit hellgrauen Linien versehen, was das Beschriften vereinfachte. Die oberste Linie oben auf der Karte war etwas dicker und rot, damit sich der Titel besser absetzte. Er spannte die Karten in die Schreibmaschine ein (weswegen die Linien im Grunde überflüssig waren), wobei er große Sorgfalt darauf verwendete, dass sie gerade waren. Anderthalbzeilig war die Einstellung für normale Bücher. War mehr Text erforderlich, arbeitete er einzeilig. Dann nahm er sich den Stapel alter Karten, die er vor die weißen legte. Sie waren blau, grün und rosa, meist schon angegilbt an den Rändern. Viele waren sogar noch mit Kugelschreiber oder Füller beschriftet worden. Wenn die Karten auf dem Tisch bereit lagen, hatte er bereits kontrolliert, dass die sie den Büchern entsprachen. Entsprechende Korrekturen hatte er handschriftlich eingetragen. Nun musste er es nur noch ordentlich auf die neuen Karten übertragen. Er war verwundert, mit welcher fehlenden Konsequenz die alten Karten erstellt waren. Die wenigsten Bibliothekare schienen sich an die Regel zu halten, dass zwischen Titel und Untertitel ein Doppelpunkt steht, nicht einfach ein Komma oder ein Punkt.