Rücksichtlich Renate (3/4)

Diese Arbeit übte er seit einem halben Jahr mit viel Freude aus. Er hatte so einen guten Überblick über den Bücherbestand erhalten. Er notierte sich gelegentlich Titel, die er sich selbst einmal kaufen wollte. An einem Vormittag hatte ihn die Bibliothekarin an der Buchausgabe, seine Vorgesetzte, gebeten, ihn zu vertreten. Gerne machte er das nicht, der Kontakt mit fremden Menschen war ihm unheimlich. Aber seine Chefin war immer so verständnisvoll mit ihm und so entgegenkommend, dass er es ihr kaum abschlagen konnte. Und so stand er dann am nächsten Tag an der Buchausgabe. Jedes Mal, wenn die Tür aufging, bekam er Herzklopfen. Nach den ersten drei Anfragen und Ausleihen ging es ihm langsam besser von der Hand. Er würde es nie mit Begeisterung machen, aber er brach nicht zusammen.

Plötzlich stand ein junges Mädchen vor ihm, oder war es eine junge Frau? Er konnte ihr Alter schlecht schätzen, vielleicht war sie fünfzehn? Sie war schlank, blass und wagte kaum, ihn anzusehen. Er fragte sie freundlich: „Kann ich dir helfen?“ Sie schaute hoch und da blickte er zum ersten Mal in ihre wunderbaren, nachtblauen Augen. Dann senke sie die Wimpern wieder über die Augen, ihre Wangen waren rosig überzogen, als sie flüsterte: „Ich suche ein Buch, das mir eine Freundin empfohlen hat, es heißt ‚Der Wintergarten‘ von Adelbert von Chamisso.“ Quentin wusste nicht, was er sagen sollte. Offenbar wollte diese Freundin sie auf den Arm nehmen. Aber wie konnte er ihr das sagen, ohne dass sie sich von der angeblichen Freundin gedemütigt fühlte?

Er gab sich einen Stoß: „Nun, das Buch haben wir leider nicht hier. Es gibt aber eines, das diesen Band noch bei weitem übertrifft.“ Ihre Hände waren in den Manteltaschen tief vergraben, eine Handtasche hing ihr über die rechte Schulter. Sie sah wieder hoch. Dieser Blick … Er machte Quentin fast mutig. „Also wenn Sie mir das empfehlen, vielleicht sollte ich es dann einmal versuchen.“ Er ging flotten Schrittes zielsicher zur Rilke-Abteilung und griff zum Gedichtband. Sicher würde sie diesen Band bald genauso lieben wie er. Er legte das Buch vor sie auf die Theke. „Ah, Rilke, hat der nicht ‚Der Panther‘ geschrieben?“

Diese Frage beantwortete er ausgiebig mit einer Schmährede auf die Lehrerschaft, die immer das schwächste Gedicht dieses wunderbaren Dichters in den Schulen propagierte. Er sprach mit einer Leidenschaft, wie sie ihm nur im Zusammenhang mit Worten und Sprache zu eigen war.

„Da haben Sie sicher Recht. Ich nehme das Buch.“ Sie schob ihm ihren Bibliotheksausweis zu. Er schaute flüchtig darauf, gleichzeitig nahm er so viele Informationen auf wie möglich. Renate hieß das Mädchen, im Alter hatte er sie aber unterschätzt, sie war schon siebzehn. Er verhaspelte sich bei seiner Entschuldigung, dass er sie ungefragt geduzt hatte. „Das macht gar nichts, bitte, Sie sprechen meinen Namen so schön aus …“, dabei lief sie puterrot an und konnte nicht mehr weitersprechen. Er verschluckte sich fast, trug ihren Namen in die Bücherliste ein und überreichte ihr das Buch. Dabei berührten sich ihre Finger. Es war, als wenn ein Feuerwerk zu Silvester niederging, ein Gefühl, wie Quentin es nicht kannte.