Rücksichtlich Renate (4/4)

„Ich werde das Buch in genau einer Woche zurückbringen, zur selben Zeit“, flüsterte sie noch und warf ihm einen letzten dieser wunderbaren Blicke zu, bevor sie das Buch sorgfältig in ihrer Handtasche verstaute und wie eine leichte Brise aus dem Gebäude hauchte.

Quentin konnte den ganzen Tag keine Karteikarte mehr ausfüllen. Zum Glück passierten ihm bei der Buchausgabe keine größeren Patzer. Als seine Chefin zurückkam, wollte sie wissen, ob etwas Besonderes passiert sei. Er schüttelte den Kopf und durfte zu den Karteikarten zurückkehren.

Er schaute auf den Kalender. In einer Woche! Dieselbe Uhrzeit! War es Zufall oder eine Botschaft? Er traute sich nicht, dies zu hoffen. Er musste es unter einem Vorwand hinbekommen, dass er auch in einer Woche wieder den Ausgabedienst übernehmen würde. Drei Tage lang traute er sich nicht, die Bibliotheksleiterin auf seinen Wunsch anzusprechen. Dann nahm er sich ein Herz, war er nicht ein Mann des Wortes, mutig und stark? Eigentlich nein, beantwortete er sich selbst diese Frage. Aber die Vorstellung, Renate vielleicht zu einem Kaffee in der Cafeteria einzuladen und mit ihr über ihre Lektüre zu sprechen, verlieh ihm Flügel.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte ihn seine Chefin und blickte dabei über den oberen Brillenrand, als er ihr Büro betrat.

„War alles okay, als ich Sie an der Ausleihe vertreten habe?“ Kein geschickter Anfang.

„Ja, ja, wunderbar.“ Pause. „War’s das?“

„Öhm, nein“, Quentins Hände klammerten sich an seinem Taschentuch fest. Seine Stimme war heiser: „Wenn Sie wollen, kann ich sie gerne wieder vertreten.“ Kleine Pause und fast unhörbar: „Gern wieder nächste Woche Mittwoch.“ Seine Chefin dachte nach, den zweiten leisen Satz hatte sie gar nicht gehört.

„Das passt! Das ist sehr nett von Ihnen! Ich möchte nämlich am nächsten Donnerstag frei haben, wäre ein ganzer Tag zu viel für Sie? Ich werde Ihnen dafür den Tag davor, also den Mittwoch freigeben.“

Für sie war damit die Angelegenheit erledigt, sie lächelte erfreut und beugte sich wieder über ihre Bücher. Quentin tropfte Angstschweiß von der Stirn, so empfand er es, obwohl seine Stirn trocken war wie eh und je. Er räusperte sich, aber seine Chefin winkte ihm nur freundlich zu „Trinken Sie was, das macht den Hals frei!“

Am Dienstag versäumte sie es nicht, ihm noch einen schönen freien Mittwoch zu wünschen und ihm noch einmal dafür zu danken, dass sie am Donnerstag die wichtigen Einkäufe erledigen könne.

Quentin war so unglücklich. Er überlegte tausend Möglichkeiten, am Mittwoch in der Bibliothek zu sein, er könnte doch privat dort sitzen und lesen. Aber er wusste, dass seine Chefin das für Übereifer halten und ihn prompt nach Hause schicken würde. Er könnte auch vor der Bibliothek stehen, so eine Stunde. Aber dann würde ihn vielleicht jemand anzeigen, weil er sinnlos herumstünde? Alle Möglichkeiten, die er durchspielte, waren undurchführbar. Und so saß er an diesem Tag zu Hause bei seiner Büchersammlung, drehte und wand das Taschentuch zwischen den Händen. Es war ein furchtbarer Tag.

Am Donnerstag kam er überpünktlich zur Arbeit. Der Rilke-Band stand wieder an seinem Platz. „Hat jemand nach mir gefragt?“ Nein.

Renate kam nie wieder. Mittlerweile hatte er erkannt, dass es wohl Liebe gewesen sein musste, die er für Renate empfunden hatte, eine große und tiefe Liebe, wie sie sonst nur in der Literatur zu finden ist. Er wusste auch, dass er nie wieder so viel Zärtlichkeit und Leidenschaft für ein weibliches Wesen werde empfinden können. „Ihr müsst mir reichen, meine heißgeliebten Bücher“, flüsterte er mit tonloser Stimme. Im Halbdunkel hoffte er, dass sie seine Tränen nicht sähen, denn sonst wären sie vielleicht gekränkt, weil sie nicht immer das Liebste in seinem Leben gewesen waren.

Er war mit seiner Geschichte am Ende. Seine Lieblinge schwiegen verständnisvoll, nur der eine oder andere Fritz kicherte dümmlich. Quentin stellte Renate besonders sorgfältig zurück an ihren Platz.