Seit Sarah (1/3)

Georg war mit sich und seiner Welt zufrieden. Früher war er ziemlich allein gewesen, nachdem er bei seiner Mutter ausgezogen war. Sie fand das zwar überflüssig („Junge, das ist doch rausgeschmissenes Geld und so viel verdienst du nicht!“), aber er wollte selbstständig sein. Nach dem frühen Tod des Vaters waren er und seine Mutter sich zwar sehr nahe gewesen, aber für einen Erwachsenen ist es gesünder, ein eigenes Zuhause zu haben.

So war er dann im Alter von zweiundzwanzig Jahren in eine kleine, bezahlbare Zweizimmer-Wohnung in einen anderen Stadtteil gezogen. Die Wohnung hatte sogar einen kleinen Balkon, auf dem Georg im Sommer eigene Tomaten zog. Von der ersten Ernte hatte er seiner Mutter ein paar mitgebracht, die zwar auch fand, dass sie gut schmeckten, ihm aber die Hand tätschelte: „Georg, mein Junge, mach dir nicht so viel Arbeit!“ Das waren so Zeiten, wenn er froh war, dass sie nicht mehr unter einem Dach wohnten, auch wenn seine Mutter ihm ihr ganzes Leben geopfert hatte, damit er zur Schule gehen und studieren konnte. Diese Mütter kennt man ja. Er lächelte mild. Ansonsten war sie herzensgut und tat für ihn, was sie nur konnte.

Als Georg mit fünfundzwanzig seine erste Freundin – Gisela – hatte, so eine richtige Freundin, mit der man es ernst meint, nahm er sie an einem Sonntagnachmittag mit zu seiner Mutter. Es gab Kaffee und Kuchen. Seine Mutter war deutlich biestig, er verstand das gar nicht. Sie machte die merkwürdigsten Bemerkungen über ihn („Der kleine Georg wollte mit dreizehn Jahren immer noch sonntags morgens zu mir ins Bett kommen, er war so ängstlich!“), die meist gar nicht zutrafen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Es war das letzte Mal, dass er Gisela sah. Sie ging nicht ans Telefon, wenn er anrief, wenn er sie auf der Straße traf, wechselte sie die Straßenseite. Er nahm es gelassen. Meine Güte, es ist doch bekannt, dass Mütter von Söhnen, die nur den Sohn haben und sonst niemanden, ein wenig eigenartig sind.

Georg hatte nicht viele Freundinnen, aber wann immer es ernst wurde, stellte er sie seiner Mutter vor. Dass die beiden harmonierten, war ihm doch wichtig. Seine Mutter machte keine solchen eigenartigen Bemerkungen mehr, daher wunderte es ihn, dass nach diesen Besuchen die Beziehungen meist endeten. „Egal, was meine Mutter erzählt hat, als ich kurz draußen war – eine Frau, die zu mir passt, wird das doch in den richtigen Hals bekommen …“

Georg wurde vierzig. Er war auf der Karriereleiter im mittleren Dienst als Beamter im sozialen Wohnungsbau ein wenig aufgestiegen. Sein Einkommen war nicht groß, aber für seine bescheidenen Wünsche reichte es, da er immer noch in seiner ersten Wohnung wohnte. Praktisch, um gelegentlich bei der Mutter auszuhelfen, die nur eine kleine Rente hatte, praktisch, um Geld zu sparen. Einmal im Jahr lud er seine Mutter zu einem kleinen Urlaub ein, und es war ihm wichtig, dass er dann alles bezahlte. Mallorca, Teneriffa, Fuerteventura, Bodensee, Tirol, alles hatten sie zusammen gesehen und es war sehr harmonisch gewesen. Im Grunde war sie eine gutherzige Frau und hatte so viel für ihn getan.

Georg war dreiundvierzig, als sich sein Leben tiefgreifend änderte, förmlich umstülpte. Seit Sarah sich auf der Suche nach dem Ordnungsamt im Rathaus in sein Zimmer verlaufen hatte, war alles anders. Sein Kollege war an jenem Tag krank und so war er allein im Büro, als die Tür aufging, eine junge Frau vorsichtig um die Ecke lugte: „Hier ist auch nicht das Ordnungsamt, oder?“ Georg fand diese Frage irgendwie komisch und musste lachen, leise und mit einem leichten Lächeln, wie das so seine Art war. Die junge Frau fand das wohl ansteckend und lachte kräftig mit. So kamen die beiden ins Gespräch. Wie sich bei einem gemeinsamen Cafébesuch am nächsten Tag herausstellte, waren sie zwei einsame Seelen. Zwar war Sarah – sie duzten sich bald, weil sie so vertraut miteinander waren, als würden sie sich schon lange kennen – mit ihren einunddreißig Jahren deutlich jünger als Georg, aber auf irgendeine Weise war sie doch schon lebenserfahren, abgeklärt und weise. Ihre zarten Bande verflochten sie immer enger miteinander. Die rundliche Sarah mit ihren roten Locken machte auf den ersten Blick gar nicht den Eindruck einer einsamen Seele, aber sie gestand es ihm sehr bald, wie es um sie stand.