Seit Sarah (2/3)

Bevor er Sarah mit zu seiner Mutter nahm, erzählte er ein wenig von ihr. Was sie alles für ihn getan hatte, was für ein guter Mensch sie war, aber dass sie doch auch mit den Jahren ein wenig wunderlich geworden war. Sarah wollte wissen, wie er das meint.

„Nun, manchmal erzählt sie abstruse Dinge über mich, die überhaupt nicht stimmen. Letztlich hat sie einer Nachbarin erzählt, ich hätte mit zwanzig noch am Daumen gelutscht.“ Sarah lachte herzlich, „na, die ist ja ’ne Nummer, herrlich!“ Das nahm Georg etwas von der Sorge, dass es mit Sarah verlaufen würde wie mit den anderen Frauen.

„In den letzten Jahren ist sie irgendwie … aggressiver geworden, sie kann Widerspruch nicht leiden.“ Was ein wenig untertrieben war, denn seine Mutter hatte noch nie Widerspruch ertragen. Wenn sie sich über jemanden geärgert hatte, kam es gelegentlich durchaus vor, dass sie einen Pantoffel an die Wand warf, einen Aschenbecher auf dem Boden zerschellen ließ. Davon erzählte er Sarah besorgt und ein wenig zurückhaltender, als die Wahrheit war. Sarah nahm auch das auf ihre heitere Art, legte ihre Hand auf seinen Arm (was ihn immer mit einem so schönen warmen Gefühl erfüllte) und tröstete ihn: „Ich weiß doch Bescheid, du wirst sehen, und einen schicken Pantoffel am Kopf wollte ich immer schon, das ist heute modern.“ Sie mussten darüber herzlich lachen. Georg nahm sie in den Arm und dankte mit stummen Worten wieder einmal dem Schicksal, das ihm so unerwartet diese wunderbare Frau geschickt hatte. Das kam zu einem Zeitpunkt, als er bereits alle Hoffnung auf Romantik aufgegeben und sogar schon einmal mit dem Gedanken gespielt hatte, auf so eine Anzeige zu schreiben, wo Thailänderinnen einen deutschen Mann suchen.

Auch seine Mutter bereitete er auf Sarah vor. Als er ihr beim sonntäglichen Besuch von seiner neuen Freundin berichtete, sah sie ihn an. Sie merkte – da war etwas, was sie vorher bei ihm nicht gesehen hatte. Sie spießte ein Stück Buttercreme auf und ließ es auf der Zunge zergehen. „Vielleicht“, meinte Georg vorsichtig, „erzählst du etwas weniger von mir, wenn ich Sarah nächsten Sonntag mitbringe?“ Sie sah ihn an. Aha. Sie wollte schon etwas Heftiges sagen, aber ließ es dann.

Georg hätte es in seinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt, dass der erste Sonntagsbesuch völlig ohne Probleme verlief. Aber genauso war es. Seine Mutter war ungewöhnlich aufgeräumt, umarmte Sarah beim Abschied herzlich und rang ihr das Versprechen ab, dass sie jetzt aber immer mitkommen müsse.

Sarah meinte verwundert zu Georg, dass sie gar nicht verstehe, was er mit diesen Geschichten über seine Mutter gemeint hätte. Sie sei doch eine absolut liebenswürdige Frau, vielleicht ein bisschen schrullig, aber irgendwo doch auch nett in ihrer großen Liebe zu ihrem einzigen Sohn.

Georg sah das als weiteres positives Zeichen. Manchmal lud seine Mutter Sarah sogar unter der Woche allein ein. Sarah versicherte Georg, dass seine Mutter niemals „eigenartige Dinge“ über ihren Sohn erzählte. An einem sonnigen Freitagnachmittag gingen sie Arm in Arm die Einkaufsstraße entlang, drückten sich liebevoll aneinander und fühlten sich so wohl. Plötzlich blieb Georg stehen, sah Sarah ernst an, der schon ganz bange wurde. Dann stellte er die Frage, die er sich bis heute aufbewahrt hatte: „Meine allerallerliebste Sarah, kannst du dir vorstellen, dass wir den Rest unseres Lebens miteinander verbringen, oder noch mehr, dass wir heiraten?“ Sarah war überrascht, damit hatte sie nicht gerechnet, auch wenn sie Georg genauso von Herzen liebte wie er sie. Sie gab ihm mitten auf der Straße einen dicken Kuss, „Das ist meine Antwort!“