Seit Sarah (3/3)

Georg besuchte seine Mutter am Sonntag allein. Sarah musste zu einer Fortbildung nach Karlsruhe. Er summte eine kleine Melodie, fand den Regen schön und überhaupt war die Welt doch wunderbar. Er konnte mit seiner Neuigkeit kaum warten, und nahm daher nicht wahr, dass die Wohnung nicht mehr so penibel aufgeräumt und sauber war wie sonst. Kaum standen Kuchen und dampfender Kaffee auf dem kleinen runden Wohnzimmertisch, platzte er mit seiner Nachricht heraus. „Mama, Sarah und ich werden heiraten!“

Seine Mutter reagierte überhaupt nicht darauf. „Möchtest du noch ein Stück Mohnstriezel? Den isst du doch immer so gern.“ Georg war verwirrt und schüttelte den Kopf, „nein, danke, Mama, hast du denn nicht gehört, was für eine tolle Neuigkeit ich dir erzählt habe?“

„Doch, doch, natürlich, du willst diese billige Schlampe heiraten.“ Georg erstarrte auf dem Stuhl: „Mama!! Wie redest du denn über Sarah?“ Seine Mutter blinzelte ihn aus ihren hinter der Brille kleinen Augen hilflos an. „Ach, öhm, ich habe sie da wohl verwechselt“. Georg nahm sie in den Arm, „Ich weiß, das ist für uns beide sehr überraschend, ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dass das Glück doch einmal so über meine Schwelle kommt.“

Am Sonntag wollten er und Sarah wieder zum Kaffeetrinken zu seiner Mutter gehen, eine lieb gewordene Gewohnheit. Sie nutzen die Chance, um Hand in Hand im Park und um den See zu spazieren, dann schmeckte der Kuchen umso besser. Dienstag rief Sarah Georg an und berichtete, dass seine Mutter sie allein zum Kaffee eingeladen hatte, um „wichtige Dinge vor dem großen Tag zu besprechen“. Er warnte Sarah noch einmal.

„Ach, du Bangbüchs“, lachte sie, „ich kenne dich doch und glaube ihr nicht, wenn sie wirklich anfangen sollte, irgendwelchen Unsinn zu erzählen. Bisher war sie aber doch immer sehr nett.“ Er lächelte, Sarah war so realistisch und positiv.

Mittwochs hörte er nichts von Sarah, das war aber nichts Ungewöhnliches, denn manchmal ging sie mit ihren Freundinnen auf einen „Mädelsabend“. Dann dachte sie nicht immer daran, sich bei ihm zu melden. Die beiden waren so vertraut, dass sie sich nicht „an- und abmelden“ mussten. Am Donnerstag war Georg doch etwas beunruhigt. Er rief sie an, Mailbox. Am Freitag rief er auf der Arbeit an. „Sarah? Ach die, sie hat Dienstagnachmittag angerufen, dass sie spontan Urlaub nimmt und einige Tag wegbleibt.“

Georg wurde es mulmig ums Herz. Hatte seine Mutter es doch geschafft, sie mit einer ihrer furchtbaren Geschichten zu vergraulen? Erst wollte er sie anrufen und fragen, aber dann hielt er doch den Sonntagnachmittag für eine bessere Gelegenheit. Er konnte kaum die Stunde erwarten, er lief in seiner Wohnung auf und ab, er rief ständig bei Sarah an.

Blass, unrasiert, unausgeschlafen und mit schwarzen Ringen unter den Augen kam er sonntags bei seiner Mutter an. „Junge, wie siehst denn du aus?“

„Mama, was hast du zu Sarah gesagt? Sie ist wie vom Erdboden verschluckt!“

„Aber mein Junge, ich habe gar nichts zu ihr gesagt, keine Sorge!“ Sie sah ihn an: „Vielleicht liebt sie dich eben doch nicht so, wie du gedacht hast?“ Er wies das sofort zurück, aber irgendwo nagte es an ihm. Immer noch hoffte er, dass sie gleich zur Tür hereinkäme, mit ihrem herzlichen Lachen, und schnell aufklären würde, was passiert war.

Die Wohnung seiner Mutter war penibelst aufgeräumt, alles blitzte und blinkte, das fiel ihm in seiner Sorge kaum auf. Den Tränen nahe wollte er sich auf den Heimweg machen. Da er kaum Appetit hatte, hatte ihm seine Mutter noch ein paar Stück Kuchen für daheim aufgedrängt. Er hatte nicht gewagt, dies abzulehnen.

Draußen ärgerte er sich. „Ich bin doch erwachsen, ich will den Kuchen nicht, Mohnstriezel habe ich noch nie gemocht!“ Und so bog er um das kleine Häuschen, auf dem Kiesweg, zum Kompost. Im Mülltrennen war er sehr genau. „Typisch Beamter“, hänselte ihn Sarah dann immer.

Als er den Deckel zum Kompost öffnete, schüttete er den Kuchen schwungvoll auf das von Sarah, was von ihr noch übrig war.