Trotz Torsten (1/2)

Sie hatte es geschafft, jubel, jawohl, heute hatte sie ihr Zeugnis bekommen und das war sogar richtig gut. Jetzt war sie Karosseriebautechnikerin. Das war immer noch eher ein Männerberuf, aber es waren auch ein paar Mädels in der Berufsschulklasse gewesen. Die Akzeptanz in der Ausbildungsstätte war sowohl bei den Chefs als auch den Kollegen und anderen Azubis tadellos.

Ihre Eltern waren von der Berufswahl erst nicht so begeistert gewesen, sie hatten eher gehofft, sie würde in Vaters Fußstapfen treten und in ein paar Jahren die Bäckerei übernehmen. Aber sie hatte schon als kleines Mädchen fast ausschließlich mit Autos gespielt. Lieber hielt sie sich in der Werkstatt ihres Cousins auf. Da roch es gut, da ließ sich perfekt spielen und er ließ sie gewähren. Torsten war ein klasse Verwandter, wie es sie nur selten gibt. Er war zwar eine Ecke älter als sie, aber das kommt eben auch bei Cousins und Cousinen vor. Als sie ihm zum ersten Mal erzählte, dass sie unbedingt etwas in der Autobranche lernen wollte, zog er nur die Augenbrauen hoch.

Als sie sich nach dem Schulabschluss bei verschiedenen großen Werkstätten bewarb, zog er wiederum nur die Augenbrauen hoch. Dann bekam sie ihre Lehrstelle und von da an, gab es nur noch Mecker vom Cousin. „Das schaffst du kaum, Mädel, das ist doch ein Beruf für Jungs!“ Oder: „Du warst zwar gut in Mathe in der Schule, aber sicher mehr wegen deiner hübschen braunen Augen als wegen deiner Denkfähigkeit.“ So ging das in einem fort. Deshalb hörte sie auf, über ihre Ausbildung zu reden, antwortete spärlich, wenn Torsten sich nach ihren Fortschritten erkundigte. „Na, bei der letzten Klassenarbeit durchgerasselt?“ Sie seufzte, man sagte doch nicht mehr „Klassenarbeit“, das waren auch in der Berufsschule Klausuren. Aber Torsten war eben noch aus einer anderen Welt. Sie kniff den Mund zusammen, „Ich habe ’ne Eins geschrieben.“

„Aha, gepfuscht, was?“ Es ging ihr langsam wirklich auf den Senkel. Meine Güte, wie konnte man nur so negativ sein! Dabei war doch bekannt, dass positives Denken so wichtig ist. Ihre Eltern hatten sie immer unterstützt: „Mach das, Kind, prima, du schaffst das bestimmt!“ Und dann ist ihr Lieblingscousin so ein Miesmacher. Natürlich würde sie es schaffen, sie hatte sich geschworen: „Dem zeig ich’s schon! Ich werde das locker schaffen, trotz Torsten und seinen Unkenrufen!“ Und heute hatte sie den Beweis vor sich liegen.

Torsten wusste genau, wann Abschlussprüfung war, wann die Abschlussfeier usw. Er rief an: „Na, zum ersten Mal durch die Prüfung gesaust?“

„Nein, im Gegenteil, ich habe die Prüfung geschafft und das als eine der fünf Besten im Jahrgang!“ Torsten kicherte leise am anderen Ende der Leitung, sie guckte befremdlich auf den Hörer.

„Freut mich für dich, ehrlich! Ich werde dann mal ein kleines Geschenk für dich besorgen.“

Sie legte den Hörer auf. Na, wenigstens das. Wäre doch auch schade gewesen, wenn ihr Beruf immer zwischen ihnen gestanden hätte. Irgendwie war er ihr fast näher als ihre Eltern, bei ihm hatte sie sich stets ausweinen können.

„Komm doch heute Nachmittag zum Feiern zu uns, dann können wir alle zusammen bei Kaffee und Kuchen mal wieder als Familie zusammensitzen“.

Torsten war kein ausgesprochener Familienmensch, eher ein Einzelgänger. Seine Frau war vor elf Jahren gestorben, die Ehe war kinderlos geblieben. Vielleicht hatte er sich deshalb seiner Cousine angenommen und sie in sein Herz geschlossen, als wäre sie seine eigene Tochter. Alles über sie hatte er gesammelt, jeden ihrer Schritte ins Leben verfolgt.