Trotz Torsten (2/2)

„Ach, meine Kleine, lieber nicht. Sicher kannst du auf das kleine Geschenk noch bis morgen warten, komm einfach nach der Geschäftszeit auf ein Tässchen Kakao vorbei.“ Als Kind hatte sie bei ihren Besuchen immer einen Riesenbecher Kakao zusammen mit Schokoladenkeksen von ihm bekommen. Zwar waren sie mittlerweile zu Kaffee oder Tee übergegangen, aber der Spruch „komm einfach auf ein Tässchen Kakao vorbei“ war geblieben.

„Und bring dein Zeugnis mit, ich würde es gerne sehen.“

Sie freute sich auf den Besuch, der stete kleine Ärger war vergessen. Torsten war einfach zu liebenswert. Sie war gespannt, was das Geschenk sein sollte, er hatte immer so ausgefallene Ideen. Zum fünften Geburtstag hatte er ihr eine Grotte, eine Höhle gebastelt mit Figuren aus gebogenem Draht, mit kleinen Lämpchen, die mit Bonbonpapier umspannt waren und daher ein farbiges Licht abgaben. Er war großzügig und mit ein bisschen Glück, darauf hoffte sie, würde er ihr einen Werkzeugkoffer schenken. Es gab da einen, den wollte sie immer schon haben, und das wusste er.

Die Feier im Kreise der Familie war ganz nett, aber wie das bei solchen Gelegenheiten häufig ist: Fünf Minuten war sie der Mittelpunkt des Gesprächs und dann wurde Tratsch über entfernte Verwandte ausgetauscht, fast wie bei einer Beerdigung. Da war sie im Nachhinein froh, dass Torsten sich den Mist nicht anhörte.

Am nächsten Tag ging sie früh genug los, Torsten liebte Pünktlichkeit. Sie übrigens auch – vielleicht die Gene? Sie kicherte. Sie klopfte an die Tür der Werkstatt, denn dort trafen sie sich in der Regel. Er umarmte sie, drückte sie an sich: „Meine Kleine, ich bin sooo stolz auf dich.“ Sie traten ein, am Tisch im kleinen Ruheraum standen zwei Tassen mit dampfenden Kaffee. Torsten hatte sich also wieder einmal auf ihre Pünktlichkeit verlassen.

„So, jetzt willst du sicher dein Geschenk sehen? Derweil schaue ich mir dein Zeugnis an.“ Sie holte ihr Zeugnis aus dem Rucksack und gab es ihm. Er holte ein flaches Paket, das unbeholfen, aber liebevoll in geblümtes Papier verpackt und mit einem lila Schleifchen verziert war, aus einer Schublade. Vorsichtig zog sie die Schleife auf, ordentlich entfernte sie das Papier.

Ihr fiel der Unterkiefer fast in die Kaffeetasse. Torsten hob den Kopf und lächelte verschmitzt. „Torsten, du bist verrückt!!! Das ist ja eine Übertragungsurkunde für die Werkstatt ab nächsten Sommer!!!“

„Na“, brummelte er, „offenbar kannst du richtig lesen.“

Sie fiel ihm um den Hals, mit so einem großzügigen Geschenk hatte sie nicht gerechnet. Wäre Torsten Hamburger gewesen, hätte er nun gesagt „Is‘ schon gut, meen Dern“. So aber sagte er gar nichts und lächelte nur.

Sie sah sich die Urkunde genauer an, ihr Blick fiel auf das Ausstellungsdatum.

„Torsten!!! Ich glaube es nicht, die Urkunde wurde schon vor drei Jahren beim Notar unterzeichnet, da hatte ich meine Ausbildung gerade erst eine Woche angefangen!“

„Ach, ist das so?“, er schlürfte seinen Kaffee, der immer noch zu heiß für ihn war, in kleinen Schlückchen.

So saßen sie und schmiedeten Pläne, sie kannte die Werkstatt schon und hatte einige Verbesserungsvorschläge. Torsten war da ganz offen, manches fand er gut, bei anderen Dingen hatte er Bedenken. Es war für beide sehr aufregend, die Zukunft nun zu gestalten.

Bis spät abends saßen sie zusammen, dann war es Zeit. „Ich muss jetzt wirklich gehen, nochmal ganz, ganz lieben Dank!“ Sie drückte ihn nochmal und lief über die Straße, um die Bahn nicht zu versäumen.

Torsten räumte auf. Ihren Gesellenbrief würde er rahmen lassen und neben seinen Meisterbrief in die Werkstatt hängen. Bis zum Tag, dass sie ihren Meister machen würde, dann würden diese beiden Urkunden nebeneinander hängen. Dass sie das locker schaffen würde, war ihm klar. Genauso, wie ihm immer klar gewesen war, dass sie vom Kopf und Talent her genau den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Nur ein bisschen faul war sie manchmal, aber auch ein wenig manipulierbar. Jaja, das positive Denken wird häufig komplett überschätzt.