Vor Veronika (1/2)

„Mein Name ist Veronica Haber, mit C in Veronica.“ Sie seufzte. Was konnte sie dafür, dass ihre Eltern früher gerne spanische Stierkämpfe gesehen und sich tief in das Thema eingefuchst hatten?

Veronica lebte seit dem zwölften Lebensjahr vegetarisch, weil sie das Töten von Tieren für keinen Zweck vertretbar fand. Mittlerweile war es nahezu „modern“, Vegetarier zu sein, möglichst sogar noch vegan zu leben. Kein Käse, keine Butter, nichts. Wer’s will. Veronica zuckte mit den Schultern, wenn sie das hörte. Das war nicht ihre Welt, das fand sie blind und nur einen Modetrend, während ihr Vegetarismus aus einer echten Überzeugung entstanden war, nicht, weil ein paar Freundinnen es hip fanden, nur noch Sojazeugs zu essen. Ihre Eltern waren verständnisvoll. Ihre Mutter hatte sich verschiedene vegetarische Kochbücher gekauft und kochte nun meist vegetarisch. Sonntags gab’s Braten, da war die Familie konventionell, Samstag bekam Herr Haber hin und wieder ein Mettwürstchen in die Suppe. Veronica fand das völlig in Ordnung, ihr Vater ohne Mettwürstchen in der Suppe wäre seltsam. Sie warf auch nie mit Sätzen um sich wie „Oh, nein, ich esse keine Leichen!“ Albern fand sie das.

Da die meisten Leute eh nicht wussten, dass der Name Veronica ursprünglich vom Schweißtuch der Veronika kam und diese Verbindung zum Stierkampf hatte, trug sie es mit Fassung. Andererseits gab es ihr auch etwas Besonderes. Jede Frau konnte theoretisch Veronica heißen, aber wenn ihnen der Name gegeben wurde, war es meist eben die k-Variante.

Auch ihre beiden Brüder hatten leicht C-betonte Namen: Carlo und Frederic. Sie waren ein gutes Trio.

Ihre Gedanken kamen zum Jetzt zurück. Sie stand am Schalter und die Dame hinter dem Schalter notierte ihren Namen „Also Veronica, gut, das notiere ich mir. Sie werden nachher aufgerufen.“

Diese Art Ferienjobs auf der Messe waren bei Studentinnen immer beliebt. Zwar ist es anstrengend, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein, aber es war abwechslungsreich und man lernte eine Menge Leute kennen. Die Mädels hofften alle insgeheim, dort einen reichen Traumprinzen kennenzulernen, der sie aus all den anderen hübschen Frauen herauspickte und sie mit auf sein Schloss oder in seine reiche Villa nahm. Auch Veronica waren solche Gedanken nicht fremd. Sie hatte von ihrem persönlichen Traumprinzen auch ein ganz bestimmtes Bild: Groß war er, blond, dazu wunderbare blaue Augen und ein äußerst charmantes Lächeln. Sportlich, aber teuer gekleidet, großzügig, männlich … ach ja, sie lächelte. Auch wenn sie wusste, dass das Leben so nicht spielt, konnte sie sich das gut ausmalen.

Es war eine Lebensmittelmesse und Veronica hoffte auf einen Job, deswegen war sie hier, aber möglichst nicht bei einem fleischverarbeitenden Betrieb. Das wäre echt doof. Und peinlich. Vierzehn junge Frauen wurden gesucht. Nach dem kurzen Interview erfuhren sie auch direkt, ob sie am nächsten Morgen anfangen würden oder nicht. Die wenigsten wurden abgelehnt, es ging hier leger zu, genau wie mit den Namen. „Nachname interessiert erst, wenn das Geld ausgezahlt wird.“ Veronica hatte schon zweimal hier gejobbt – ohne Traumprinzenfund – und hoffte, dass ihre Erfahrung mit in die Waagschale käme.

Sie hatte mitgezählt, zwölf der vierzehn Jobs waren vergeben. Zwei junge Frauen außer ihr warteten noch. Puh, sie hätte etwas eher kommen sollen, aber der Bus war ihr vor der Nase weggefahren. Das kommt davon, wenn man zu eifrig lernt. Die jungen Frauen unterhielten sich, was sie machten, ob sie vorher bereits einmal auf einer Messe gejobbt hatten. So vertreibt man sich die Zeit. Die Tür ging auf „Sandra, bitte kommen sie mit“. Jetzt waren sie noch zu zweit. Aufgerufen wurde heute offenbar zur Abwechslung alphabetisch nach dem Vornamen. Na, das war mal etwas Anderes, als immer mit dem Nachnamen aufgerufen zu werden. Bei H wie Haber war das in der Schule okay gewesen, genauso wie in der Fahrschule bei der Fahrprüfung. Alles alphabetisch. Die ganzen Leute mit W und Z taten ihr immer leid, ständig mussten sie warten.