Vor Veronika (2/2)

Und die mit A und B, na, immer ist das auch nicht so toll, wenn man gleich drankommt. H ist ganz okay. So war es also gar nicht schlimm mit dem verpassten Bus. Sandra kam durch die Tür, sie lächelte erfreut. „Das ist super, jetzt kann ich mir ein bisschen Luxus für die neue Wohnung leisten!“ Veronica freute sich mit ihr, genauso wie die letzte geduldige Kandidatin. Der letzte Aufruf: „Veronika bitte!“. Beide sprangen auf. Sie schauten sich verdutzt an: „Wie, du heißt auch Veronika?“

„Ja, mit c, und du?“

„Mit k“.

„Na, also, Veronica kommt vor Veronika“. Da mussten sie lachen. Veronika ließ Veronica den Vortritt.

Am nächsten Morgen war Veronica pünktlich um 7 Uhr an der Eingangshalle. Zwar öffnete die Messe erst um acht Uhr ihre Tore, aber die Hostessen mussten eine Stunde früher kommen, um ihre Uniform entgegenzunehmen, sich umzuziehen und eingewiesen zu werden in den jeweiligen Stand. Ihr Tag war anstrengend. Wie immer hatte sie einige Männer vorbeiziehen oder auch am Stand bei ihr etwas fragen sehen, die durchaus der Vorstellung ihres Traummannes entsprachen. Aber keiner hatte an ihr Interesse gezeigt. Doof. So arbeite sie die ganzen Tage hart, besonders am Sonntag war es extrem anstrengend, da war die Messe auch für alle geöffnet, nicht nur für Fachpublikum. „Ich sollte lieber bei einer Sportmesse arbeiten, da gibt es sicher die total süßen Typen …“. Sie lachte leise, es war ja ein Spaß. Sie zog sich um, nur die Schuhe gehörten ihr. Sie war froh, endlich diese hochhackigen Dinger loszuwerden und in ihre Sportschuhe zu schlüpfen, aber oh Schreck, in der Eile heute Morgen hatte sie wahrhaftig die Schuhe vergessen einzupacken, weil sie dachte, sie waren noch im Beutel. Doof, jetzt den ganzen Weg mit der Bahn nach Hause, wie sollten Ihre Füße das aushalten? Sie stöckelte zum Ausgang und biss die Zähne zusammen. Vor der breiten Eingangstür blieb sie mit dem Absatz im Metallgitter hängen und fiel längs hin. Sie fluchte, die Hände waren aufgekratzt, weil sie sich damit abgefangen hatte. Jemand packte sie am Arm und fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“ Sie schaute hoch und dachte: „Was für wunderschöne blaue Augen!“ Der Mann musste Anfang dreißig sein, war teuer gekleidet und durchtrainiert. Nicht nur das – er schien auch noch an ihr interessiert zu sein. Sie hatte nie wirklich an den Traumprinzen geglaubt, es war immer mehr so ein Späßchen aus Kindertagen geblieben. Er lud sie auf einen Kaffee ein, er rief ein Taxi herbei. Er erzählte beiläufig, dass er im IT-Business ein gut gehendes Geschäft aufgebaut hatte. An der Isar ließ er das Taxi anhalten. Er half ihr aussteigen und hielt ihre Hand fest in seiner. Was für ein schöner warmer Griff, sie war dabei sich Hals über Kopf zu verlieben. Es würde ein wunderschöner Abend werden, sie war sich sicher.

Veronika überflog am nächsten Tag die Schlagzeilen der Tageszeitung. Das machte sie gerne bei einer Tasse Tee und einem Brötchen mit Ei. Das war morgens ihre Lieblingszeit, ungestört lesen. Dafür ging sie eben sehr früh aus dem Haus und holte sich in der Bäckerei schräg gegenüber zwei noch warme Brötchen, jeden Tag außer sonntags. Sie las vom Erfolg der Messe und bedauerte noch einmal, dass Veronica vor Veronika kommt. Sie hätte das Geld auch gut gebrauchen können, einen anderen Job hatte sie nicht bekommen. Plötzlich fiel ihr Blick auf das Foto einer jungen Frau, das Gesicht kannte sie! „Junge Frau aus der Isar gefischt, Opfer eines Gewaltverbrechens“.